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Spur der Steine : In einer Stadt ohne Türen

Die ersten Ausgrabungen von Çatalhöyük sind kunstvoll überdacht – sie sind eine der wichtigsten Überreste von neolithischen Siedlungen. Bild: F1online

Auf der zentralanatolischen Hochebene gab es vor fast zehntausend Jahren eine Siedlung auf einem Hügel. Heute weiß man: Es sind Überreste einer neolithischen Niederlassung.

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          Es gibt einen Weg nach Çatalhöyük, der dem Betrachter kurz vor der Ankunft gleich zwei Sensationen bietet. Die erste ist das lang gestreckte gewölbte Dach, das sich wie ein gestrandeter Zeppelin mitten im anatolischen Ödland über die wellige Landschaft erhebt. Darunter liegen die wichtigsten Überreste der neolithischen Siedlung. Und dann ist da ein Baum, gleich neben einem Hinweisschild auf das archäologische Schutzgebiet, der einzige weit und breit. Anatolisches Ödland eben. Wieso sollen sich hier Menschen niedergelassen haben?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie taten es, vor fast zehntausend Jahren, und das gleich für die nächsten achtzehn Jahrhunderte, wenn man den bisherigen Befunden der Forschung glauben darf. Rekonstruktionszeichnungen der Siedlung stellen sie gerne in eine von Wasserflächen durchsetzte Umgebung, aus dem der in zwei Erhebungen geteilte „Gabelhügel“ (das bedeutet der tür­kische Name Çatalhöyük; es bezieht sich auf die Teilung) noch etwas über die Hochebene ragt.

          Der Çarşamba, ein im südlich ge­legenen Taurusgebirge entspringender Fluss, sorgte früher für ausgedehnte Feuchtgebiete; heute ist er längst vor Çatalhöyük zu einem See aufgestaut, um die Wasserversorgung der landwirtschaftlichen Nutzflächen zu garantieren, und was noch übrig bleibt von dem insgesamt nur hundert Kilo­meter langen Fluss, das wird auf verschiedene Bewässerungskanäle verteilt; der Çarşamba ist plötzlich einfach nicht mehr da.

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          Das war früher ähnlich, es handelt sich um einen Fluss, der nie das Meer erreicht hat. Aber er führte viel mehr Wasser in die Gegend nördlich der heutigen Stadt Çumra. Die gibt es als Zusammenschluss mehrerer kleiner Ortschaften erst seit 1926, und das Einzige, was die Welt über das Städtchen weiß, ist, dass zu seinem Verwaltungsgebiet auch Çatalhöyük gehört, UNESCO-Weltkulturerbe seit 2012. Die Vergangenheit hat der Gegenwart ein großes Geschenk hinterlassen.

          Leben auf Dachterassen

          Tausende von Jahren lag es gut verpackt im Verborgenen, von Wind und Wetter eingeebnet und während der klassischen Antike (Römisches und Byzantinisches Reich hatten hier noch Unter­tanen) von Friedhöfen bedeckt, bis 1961 eine Expedition britischer Wissenschaftler damit begann, den erst kurz zuvor als viel ältere archäologische Stätte erkannten Hügel zu ergraben. In vier Jahren wurden die Fundamente von mehr als 160 Häusern freigelegt, die hier eine festungsartige Anlage gebildet hatten, dicht aneinandergebaut – so dicht, dass es dazwischen keine Gassen gegeben haben konnte.

          Und noch eigenartiger: Die erhaltenen Grundmauern wiesen keine Spuren von Türen auf. Man muss sich die Siedlung, die nach ihrem Fundort den Namen Çatalhöyük erhielt, als Ansammlung von Gebäuden vorstellen, die über Einlässe in den Flachdächern betreten wurden. So fand das Leben im engeren Siedlungsbereich vor allem auf einer Dachterrassenlandschaft statt, deren verschiedene ­Ebenen über Leitern erreicht werden konnten. Das versprach besseren Schutz vor wilden Tieren und wild gewordenen Nachbarn.

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