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Moskauer Biennale : Glamour-Party mit Künstlerblut

  • -Aktualisiert am

Andrej Kuskins kauernde Skulpturen aus Gefängnisbrotkrumen Bild: Picture-Alliance

Der Moskauer Ausstellungsherbst zeigt, wie man die Kultur revolutioniert. Das geht natürlich nicht ohne Skandale.

          6 Min.

          In diesem Herbst erlebt man in Moskau einen ganzen Strauß wichtiger Kunstausstellungen, vor allem aber, wie das große Geld die russische Kulturszene umpflügt. So war der Auftakt für die 8. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst, mit deren Hauptprojekt die Neue Tretjakow-Galerie die weitläufigen Räume des früheren Zentralen Künstlerhauses bespielt, ein Finanzskandal. Ein gutes Dutzend ausländischer Teilnehmer der vorigen Biennale sowie etliche russische Mitarbeiter erklärten in einem offenen Brief, dass sie vereinbarte Vergütungen nicht erhalten hätten und von der Chefin der Biennale, Julia Musykantskaja, unerträglich grob behandelt worden seien. Musykantskaja, die die jetzige Kunstschau mit 1,2 Millionen Euro vom Kulturministerium und ungenannten Sponsorenbudgets organisiert hat, wies die Vorwürfe zurück und drohte gerichtliche Schritte an. Was vom Biennale-Kurator, dem Bühnenkünstler Dmitri Tschernjakow versammelt wurde, ist freilich eher ein Schaulaufen gestandener Klassiker von Valie Export bis Neo Rauch, wobei der Löwenanteil der westlichen Werke der Wiener Albertina entstammt. Dazu kommt ein kräftiger Schuss Orientglamour, verkörpert durch Leyla Aliyeva, Tochter des Präsidenten von Aserbaidschan, die sich als Künstlerin feiern ließ.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die schönheitschirurgisch getunte Leyla mimt nervös kichernd die Avantgardistin. Demonstrativ zerreißt sie ein biomorphes Wimmelbild, um mit Medienvertretern in ein „kosmisches“ Spiegelkabinett vorzustoßen, wo Lichtwesen aufscheinen und vergehen und Sphärenmusik ertönt. Nebenan zeigt eine von Künstlicher Intelligenz programmierte Lightbox des aserbaidschanischen Medienartisten Orhan Mamedov in Dauermetamorphose traditionelle Teppichmuster. Und die in Goldbrokat gewandete saudische Prinzessin Halla Bint Khalid vergegenwärtigt durch einen rosa Punchball mit Busen, einen Geldautomaten auf Herrenschuhen und einen Kinderbrutkasten auf rosa Pumps, dass auch Superreiche unter Genderstereotypen leiden.

          Betende Brothände

          Die von einem Klavierstück von Anton Webern beschallte Spachtelabstraktion des Altmeisters Gerhard Richter beeindruckt das Publikum vor allem durch die Preise, die der Maler auf internationalen Auktionen erzielt, ebenso wie die giftbunten, Kahlköpfe gebärenden Blumenozeane des „zynischen“ chinesischen Realisten Fang Lijun. Der Russe Pawel Otdelnow hingegen verewigt die stetig wachsenden Mülldeponien seines Landes als hochaufgelöste Videodokumentation und fotorealistische Ölgemälde. Die stärkste russische Arbeit stammt von dem Performance-Künstler Andrej Kuskin und setzt einen existentiellen Akzent. Für die Installation „Beter und Helden“ hat Kuskin aus Brot Hunderte demütig knieende Kleinfiguren geformt, die eine deckenhohe Zellenwand füllen. Davor ist ein halbes Dutzend überlebensgroßer Köpfe postiert, über deren Gesichter rotbraune Farbstreifen aus dem Blut des Künstlers laufen. Das zugleich christologische und in der Gefängniskultur wurzelnde Werk sei ein Bild für die Grausamkeit und Schwäche seines Landes, sagt Kuskin. An den Kundgebungen für gerechte Wahlen im Sommer habe auch er teilgenommen, bekennt er, dass dabei willkürlich junge Leute ins Gefängnis geworfen wurden, erklärt er mit den „Metastasen“ der Vergangenheit.

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