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Sigmar Polke in Köln : Die Entdeckung des zehnten Wandelsterns

Das Museum Ludwig in Köln widmet Sigmar Polke eine großartige Retrospektive. Dabei zeigt sich nicht zuletzt: Kaum ein deutscher Maler und Medienkünstler hatte so viel Witz wie er.

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          Die Vorbereitungen zu dieser Retrospektive währten mehr als sechs Jahre. Anfangs lebte Sigmar Polke noch, und so fanden sie zunächst in enger Abstimmung mit dem Künstler statt. Nach seinem überraschenden Tod im Juni 2010 schien das Vorhaben vor dem Aus zu stehen, doch die Familie des 1941 im schlesischen Oels geborenen und seit 1953 im Rheinland lebenden Polke öffnete seinen Nachlass für die Kuratoren, so dass sie die Arbeit nicht nur fortsetzen, sondern die Konzeption auch um Objekte ergänzen konnten, die der Künstler selbst wohl niemals freigegeben hätte. So fanden zum Beispiel ein Dutzend seiner Skizzenbücher Eingang in die Präsentation, darunter als späteste überhaupt vertretene Arbeit eines, das Polke erst kurz vor seinem Tod abgeschlossen hatte: 380 Seiten stark und alle mit Tinte nachtschwarz gefärbt. Es ist, als hätte er selbst als Einziger gespürt, was ihm drohte.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Museum Ludwig in Köln ist in doppelter Hinsicht der richtige Ort für diese Ausstellung: biographisch (der Maler lebte von 1978 bis zu seinem Tod in der Stadt), aber auch ästhetisch, denn Polke ist der wichtigste deutsche Protagonist der in diesem Haus so stark vertretenen Pop-Art. Obwohl er zu Beginn seiner Karriere, in den frühen sechziger Jahren, noch gemeinsam mit dem Düsseldorfer Kommilitonen und Freund Gerhard Richter ausstellte und beider Arbeiten als „Kapitalistischen Realismus“ bezeichnete, knüpften die frühen Zeichnungen und Lackbilder nahtlos an die ironische Apologetik der Waren- und Konsumwelt an, die von den amerikanischen Pop-Artisten etabliert worden war. Hier hatten Warhol, Wesselmann, Lichtenstein und Oldenburg einen Musterschüler gefunden - einen, der sofort problemlos neben diesen Meistern bestehen konnte.

          Unvergleichliche internationale Strahlkraft

          Das wurde zwar erst ein Jahrzehnt später außerhalb Deutschlands erkannt, aber seitdem verbreitete sich Polkes Ruhm geradezu epidemisch. Die Kölner Retrospektive verdankt sich denn auch gar nicht eigener Initiative, sondern einer gemeinsamen des Museum of Modern Art in New York und der Tate Modern in London. Dass zwei der drei weltweit wichtigsten Häuser für Gegenwartskunst (das dritte ist das Centre Pompidou in Paris) dieses Projekt betrieben, zeigt die kunstgeschichtliche Bedeutung Polkes deutlicher als die Preise auf dem Kunstmarkt, auf dem seine Werke weit hinter denen der Generationsgenossen Richter und Baselitz zurückbleiben. Trotzdem bleibt er von diesem Trio der Einflussreichste; kein anderer deutscher Nachkriegskünstler außer Martin Kippenberger hat eine vergleichbare internationale Wirkung erzielt, auch nicht Beuys, bei dem Polke in Düsseldorf lernte. Denn er und Kippenberger verfügten über etwas, das gerade nicht als typisches deutsches Charakteristikum gilt: Witz. Damit knüpften sie konsequenter als ihre Kollegen an jene in ihrer Bedeutung immer noch unterschätzte Subversion des Kunstverständnisses an, für die der Begriff Pop-Art steht.

          Polke war dabei umtriebig wie niemand sonst. Er trieb Schabernack mit dem Material, wenn er bevorzugt bedruckte Stoffe übermalte. Er trieb sich selbst an, indem er sich als überweltlichen Künstler stilisierte: In einer kleinen Zeichnung von 1968 verkündete er die Erweiterung des Planetensystems um einen zehnten Wandelstern namens Polke. Und er trieb mit Entsetzen Scherz, wenn er ein konstruktivistisches Bild malte und vor rotweiß gemustertem Hintergrund ein Liniengefüge in Szene setzte, das man als Ausschnitt eines Hakenkreuzes identifizieren kann. Allerdings spiegelte Polke die Arme dieser Swastika, womit ein unmittelbar politisches Verständnis stets zweifelhaft bleiben muss. Festlegungen waren Polkes Sache nicht.

          Dass er sich jedoch ebenso wie Gerhard Richter in den sechziger Jahren gern bei Fotovorlagen aus Pressepublikationen bediente, die Polke aber in aufwendiger Rastermalerei auf die Leinwand brachte, belegt ein zeitgeschichtlich-assoziatives Interesse, das ihn nie mehr verlassen sollte. In den achtziger Jahren verwendete er das eigene Foto eines Hochstands im Bergischen Land als wiederkehrendes Motiv einer Serie von sechs großformatigen Bildern, in denen die aus Untersicht gemalte, verwinkelte Holzkonstruktion wie der Wachturm eines Konzentrationslagers inszeniert ist.

          Das war eine Art Finale des gegenständlichen Malers, ehe Polke im Jahr 1986 mit einem gleichfalls sechsteiligen abstrakten Zyklus für den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig ein Sensationserfolg gelang. Diese riesigen „Kunststoffsiegel-Bilder“, die ihm den Hauptpreis der Biennale einbrachten, gingen danach ins Museum Abteiberg, aus dem sie nie wieder entliehen wurden. Auch diesmal werden sie es nicht, doch das Museum Ludwig ist mit dem Haus im nahen Mönchengladbach eine Kooperation eingegangen, so dass dort nun für die Laufzeit der Retrospektive eine Satellitenschau rund um den Venedig-Zyklus gezeigt wird. Es sind solche Ergänzungen, die die Kölner Version gegenüber den Vorgängerstationen in New York und London doch eigenständig machen. Vor allem konnten vier von sechs der großformatigen Gouachen des Werkblocks „Wir Kleinbürger!“ von 1976 aus deutschem Privatbesitz ausgeliehen werden, so dass jene auffällige Lücke geschlossen wird, die in New York und London noch bezüglich Polkes Schaffen in den siebziger Jahren klaffte.

          Polke erfand sich immer wieder neu

          Und gerade damals war seine Kunst so unruhig wie nie zuvor oder danach: nämlich unmittelbar politisch und offen für die Welt. In einem Raum mit eher kleineren Arbeiten jener Jahre sind zwei Filme integriert, die Polke seinerzeit auf Reisen nach Brasilien, Pakistan und Afghanistan gedreht hat. Dort fand er exotische Alltagsszenen, die ihn vom Überdruss angesichts einer bleiernen westlichen Gegenwart befreiten; sie sieht man zum Beispiel seinen damaligen Fotoserien von amerikanischen oder deutschen Bettlern an. Generell sind Filme in diese Ausstellung so zwingend eingebettet wie selten zuvor. Ihre Gesamtdauer beträgt mehr als fünf Stunden, und dieser beeindruckende Schwerpunkt verdankt sich der Kuratorin der Kölner Station, Barbara Engelbach, Verantwortliche für Medienkunst im Museum Ludwig.

          Ihr ist es zu verdanken, dass jetzt die Synthese aus den beiden vorangegangenen Retrospektivestationen gebildet werden kann. Präsentierte das MoMa den konzeptuellen Medienkünstler Polke, so stellte die Tate Modern den Maler in den Mittelpunkt. In Köln erst wird das organische Ineinandergreifen beider Fähigkeiten in der Person Polkes belegt. Es war kein Zufall, dass der Künstler sich 1974 dabei fotografieren ließ, wie er sich in eine Pythonhaut wickelte. Polke streifte alte Hüllen immer wieder ab und blieb doch seiner Natur treu, die auf einen einzigen Begriff zu bringen ist: Neugier.

          Genau das ist auch der Antrieb dieser Ausstellung. Ein Drittel der in Köln gezeigten Werke ist gegenüber New York und London neu hinzugekommen, überwiegend aus dem Bestand des Museums Ludwig selbst, der vor allem bei Druckgraphik und Editionen gewaltig ist. So wird noch einmal der Medienkünstler gestärkt. Doch das Entree zu der sich chronologisch über sämtliche fünfzehn Sonderausstellungsräume des Museums erstreckenden Schau bilden zwei eigene Polke-Gemälde: das fünf Meter breite Transparentbild „Fensterfront“ (1994) und vor allem ein ähnlich gewaltiges, unbetiteltes Dispersionsgemälde von 1986, das auf einem Bildgrund, der jeweils zur Hälfte aus Persianer- und Tweedstoff besteht, einen gespenstischen weißen Schemen zeigt. Dafür hatte Polke Anleihen bei japanischen Geisterdarstellungen genommen, sie aber durch die Verwendung der für ihn typischen Textilträger in sein eigenes Universum transportiert - oder, um das eigene Bild des Künstlers aufzunehmen, auf den Planeten Polke. Nie zuvor ist der so konsequent erschlossen worden wie in dieser Retrospektive.

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