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Schlacht von Waterloo : Wie kam Napoleons Zweispitz nach Berlin?

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Etwa gleichzeitig, gegen 15.30 Uhr, kam es im Osten des Schlachtfelds zum ersten Feindkontakt mit den Preußen, was Napoleon dazu zwang, erhebliche Kräfte vom Hauptschlachtfeld abzuziehen. Dennoch stand Napoleon am Abend kurz davor, die Schlacht zu gewinnen. Als jedoch gegen 18.30 Uhr die ersten Salven preußischer Zwölfpfünder auf der das Schlachtfeld durchziehenden Landstraße einschlugen und immer mehr Truppen Blüchers in die Schlacht eingriffen, näherte sich das Geschehen seiner Entscheidung. Napoleon spielte eine Stunde später seine letzte Karte aus: die Alte Garde. Wenn es gelänge, so sein Kalkül, die Reihen Wellingtons noch zu durchbrechen, wäre die Schlacht gewonnen. Doch der Angriff der Alten Garde brach innerhalb von wenigen Minuten zusammen, und es folgte in einer Art Dominoeffekt der vollständige Zusammenbruch der Grande Armée.

Der Kaiser mit dem Zweispitz

Ein französischer Gardeartillerist berichtete: „Da sah ich Napoleon zum letzten Mal. Er hatte einige Schritte hinter den beiden Batterien der Garde-Artillerie, zu denen ich gehörte, Aufstellung genommen, feindliche Kartätschen lichteten die Reihen unserer Kanoniere. Er selbst gab mir den Befehl, auf die englischen Karrees zu feuern . . . Da die gesamte Bedienungsmannschaft von feindlichen Kugeln getötet worden war, richtete ich selbst die Geschütze, der Hauptmann hielt den Wischer. War es nicht der letzte Kanonenschuss, der an diesem verhängnisvollen Tage abgefeuert wurde, so war es doch einer der letzten. Napoleon blickte finster und leichenblass; die schwache Dämmerung gab allen Dingen ein trauriges Aussehen; langsam folgten einander die Salven der Artillerie, wie bei einem Leichenbegräbnis, schweigend erklommen die Bataillone der Alten Garde die Hänge des Plateaus: Alles schien zu diesem düsteren Bild zusammenzustimmen, das würdig war, den Pinsel eines großen Meisters herauszufordern.“

Hätte es diesen Schlachtenmaler gegeben, wäre Napoleon von ihm zum letzten Mal als Kaiser mit seinem Zweispitz dargestellt worden. In der auf den Sommertag folgenden mondhellen Nacht nahmen die preußischen Truppen die Verfolgung der Franzosen auf. Napoleon war in einer Kutsche die Flucht in Richtung französischer Grenze gelungen. Bei Genappe, wenige Kilometer südlich des Schlachtfelds, kamen die preußischen Verfolger dem geschlagenen Kaiser aber derart nahe, dass dieser unter Zurücklassung der Kutsche die Flucht zu Pferd fortsetzen musste. Kurz darauf erreichten die Preußen das verlassene Gefährt und plünderten es aus. Auf der aufgeweichten Erde vor der Kutsche aber lag – ein schwarzer Zweispitz.

Die lange Reise einer Kopfbedeckung

Feldmarschall Blücher, der bei dem Fund nicht zugegen war, bekam ihn wenige Stunden später überbracht. Er setzte sich den Hut auf und schrieb an seine Frau über Napoleon: „Er war im Wagen, um sich zurückzubegeben, als er von unseren Truppen überrascht wurde, er sprang heraus, warf sich ohne Degen zu Pferde, wobei ihm der Huth abgefallen, und so ist er wahrscheinlich durch die Nacht begünstigt entkommen, aber der Himmel weiß wohin . . .“ Blücher schickte den Zweispitz an den preußischen König Friedrich-Wilhelm III. nach Berlin.

Dort wurde er in 130 Jahre lang im Zeughaus Unter den Linden aufbewahrt. 1945 kam der Hut als diesmal russische Kriegsbeute nach Moskau, 1958 transportierte ihn die Sowjetunion im Rahmen einer Kulturgüterrückführung wieder in das kommunistische „Bruderland“ DDR. Heute ruht er in einer Vitrine des Deutschen Historischen Museums. Es war ein weiter Weg aus der Werkstatt des Hutmachers Poupard in der Pariser Rue de la Loi zur welthistorischen Schlacht von Waterloo auf den Kopf des greisen Blüchers in königlich-preußischen Besitz und später in einer Holzkiste verpackt über das stalinistische Moskau nach Berlin zurück.

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