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Deutsch-russische Romantiker : Wandernde Seelen mit Freiheitsdurst

Oft sagen auch Ausstellungsplakate viel über Intentionen. Für Moskau ist dies Maxim Worobjows „Vom Blitz gespaltene Eiche“ aus dem Jahr 1842, ein Höhepunkt der russischen Bewegung, während die vierziger Jahre in Deutschland bereits die Zeit der Spätromantik einläuten, mit dem Fanal der gescheiterten Revolution 1848, nach der mancher Romantiker ins politisch desillusionierte Biedermeier abgleitet oder in Freiheitsreiche wie Amerika flieht. Das fast allen Russen von Kindheit an vertraute Bild Worobjows mit der gespaltenen Eiche wurde immer wieder politisch gelesen, wenngleich der schmerzhaft grelle Blitz vor Furcht einflößend dunklem Gewitterhimmel, der dem menschenähnlich wirkenden Baum seinen mächtigsten Ast buchstäblich abpeitscht, primär den persönlichen Schicksalsschlag des Verlusts seiner Frau durch plötzlichen Tod verkörpert.

Unheil aus heiterem Himmel: Maxim Worobjows „Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter)“ von 1842.
Unheil aus heiterem Himmel: Maxim Worobjows „Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter)“ von 1842. : Bild: Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Es bleibt ein Missstand, dass wir von der annähernd gleichzeitigen Romantik in Russland, die doch dem Klischee folgend der russischen Seele so sehr entspricht, fast nichts wissen. Selbst von den herausragendsten ihrer Künstler können wir kaum die Namen nennen. Dabei ist ein Maler wie Alexander Iwanow eine Entdeckung: Der Kopf seines „Johannes der Täufer“ war zuvor eine Frau, die zahlreichen ausgestellten Skizzen zeigen die schrittweisen Metamorphosen – fast wie bei Friedrichs Rückenfiguren. Aus einer ungeheuer modern gemalten liegenden Nackten schält sich in Deckweiß eine zweite Figur heraus und lässt das kleine Querformat von etwa 1831 wie eine Aurafotografie um 1900 wirken. Wenngleich es sich hier „nur“ um eine Ölstudie handelt, wandeln sich auch die Gestalten seiner monumentalen Formate wie eben „Christi Erscheinung vor dem Volk“ noch innerhalb des Bildes weiter. Solche schwarzromantischen Spiele mit Identität, Aus-dem-Körper-Treten und Gestaltwandel, die man in der Literatur der Zeit von E. T. A. Hoffmann bis zu Bram Stokers Dracula und Mary Shelleys „Frankenstein“ kennt, erklären vielleicht auch das krudeste Bild der Schau: Von einem unbekannten Künstler um 1848 aquarelliert, blickt man von weit oben aus einer Art Schutzengelperspektive in eine schmale Studierstube hinein, die durch die Überlängung der wandtiefen Fenster optisch zum Schacht wird und in dem sich die ohnehin schon schlanken Biedermeierbeine der Stühle und Schreibpulte spinnenartig dehnen und verjüngen. Mit diesen Zwillingsseelen, die in allem stecken und herausbrechen können, im Hinterkopf, wird Alexander Iwanows spektakulärer „Zweig“, der nichts anderes als diesen vor klarem Azur zeigt, noch revolutionärer. Auch sein „Der Grund“ (das russische „potschwa“ meint Boden und Grund), ein querformatiger Ausblick auf ein Stück Erdreich, schillert verräterisch in eigentlich einander ausschließenden Farbtönen wie Zinnoberrot, Grünbraun und Beige zugleich. Wie Doppelgänger könnte man Silvester Schtschedrins „Grotta di Matromania auf Capri“, Karl Brjullows flirrendes „Fort Pico auf Madeira“ und abermals Iwanows „Treppe“ nur schwer von Carl Blechens Amalfi-Bildern oder dessen in Moskau gegenübergestellten „Galgenberg bei Gewitterstimmung“ scheiden, vor allem da bei Iwanow die sonnegleißenden Stufen ähnlich ex negativo gebildet sind, wie in Blechens Amalfi-Skizzen die Häuser im Betrachterauge durch Aussparung auf dem Papier entstehen.

Italien als gemeinsames Sehnsuchtsziel: Silvester Schtschedrins „Grotta di Matromania auf Capri“ von 1827.
Italien als gemeinsames Sehnsuchtsziel: Silvester Schtschedrins „Grotta di Matromania auf Capri“ von 1827. : Bild: Staatliche Tretjakow-Galerie, Mo

Als ob die Augenlider weggeschnitten wären

Dass bei genauem Hinsehen doch die Unterschiede selbst im scheinbar direkt Übernommenen überwiegen, zeigt sich beim monumentalen „Blick auf die Küste vor Petersburg“ von Iwan Aiwasowski. Auf den ersten Blick könnte der am Bug seines Bootes dösende Fischer, abgesehen vom zu großen Format, auch von Friedrich stammen, so horizontal klar sind der Streifen Sand im Vordergrund, die metallische Ostsee und der Himmel darüber gegliedert. Dessen pastellig rosafarbene Stimmung allerdings lässt aufmerken: Die auffällige Bestrahlung der Wolken von unten, das silbrige Licht hat sich Besuchern Petersburgs als Phänomen der Weißen Nächte unvergesslich eingeprägt.

Diese Atmosphäre hat der achtzehnjährige Aiwasowski mit weit geöffneten Augen und weggeschnittenen Lidern eingefangen, der das Bild 1835 im letzten von drei Lehrjahren an der Petersburger Akademie schuf. Aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung von der Schwarzmeerküste stammend, hat der Armenier gerade die Differenz zu den im Studium als vorbildhaft vor Augen gestellten Friedrich und der Baltikküstenlandschaft mit dem zu Sehenden präzis abgeglichen. Doch auch er blieb als Maler des unergründlichen Meeres zeitlebens ein rastloser Suchender, wie Friedrich, Blechen und Carus vor ihm.

Träume von Freiheit – Romantik in Russland und Deutschland. In der Neuen Tretjakow-Galerie Moskau; bis zum 8. August, ab 2. Oktober in Dresden. Der Katalog in englischer Sprache kostet 45 Euro.

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