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Rußland : Putins viele Kunstgesichter

  • -Aktualisiert am

Das Gesicht Wladimir Putins zieht russische Künstler unwiderstehlich an. Sie zeigen Putin als Sphinx mit rätselhaftem Lächeln, als absolutistischen Herrscher, als Muskelmann im Judokittel oder als Witzfigur.

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          Der Bilderkult um den russischen Präsidenten lebt davon, daß Putins viele Gesichter die Mediengesellschaft für die Gesichtslosigkeit des öffentlichen Lebens entschädigen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Fernsehnachrichten schwelgen in Chroniken aus des Präsidenten offiziellem Alltag, wo Putin seine Wohlinformiertheit, Entscheidungssicherheit und sein Markenzeichen, die hochkonzentrierte Miene, leuchten läßt. Minister und andere Staatsstützen sind bemüht, sich hinter ihrem Amt, blicklosen Augen und Verlautbarungsformeln zu verstecken. Im Land der Machtvertikale ist Putins Bildnis Universaltalisman. Das Sujet, das politische Deutungshoheit und kommerziellen Lohn verspricht, zieht bildende Künstler unwiderstehlich an.

          Nullpunkt des ehrlichen Zynismus

          Wie sich in deren Werken Hagiographie und Kritik verketten, erforscht derzeit, gefördert vom DAAD, die deutsche Kunsthistorikerin Alexandra Engelfried. Eine Art Nullpunkt des ehrlichen Zynismus markiert der Designer Andrej Logwin, der mit seinen Putin-Pappmasken in Massenauflage erklärtermaßen Geld verdienen wollte. Tatsächlich finden Logwins Umhängekartons mit herausnehmbaren Augen, die den Präsidenten als geschönte Sphinx mit rätselhaftem Lächeln zeigen, regen Absatz.

          Was sich aber wirklich auszahlt, ist die zarentreue Pose. Das beweist das offiziöse Herrscherbildnis des prominenten Partylöwen Nikas Safronow, das beinahe kanonisch Kreml-Kabinette ziert. In Altmeistermanier hat Safronow den Präsidenten, dessen Hand absolutistisch auf einem Sessel ruht, vor ein Fenster plaziert, worin als Symbol politisch-spiritueller Synthese der Kreml und die Erlöserkathedrale aufscheinen. Auch das unerschöpfliche Kunstfaktotum Surab Zereteli steuerte seine Vision bei, einen überlebensgroßen Bronze-Putin, der als Muskelmann im Judokittel Tatkraft und Kampfesmut ausstrahlt. Seine legendäre Managerfortune ließ Zereteli bei der Präsidentenstatue allerdings im Stich. Die Kreml-Administration teilte mit, der Judoheros habe jenseits von Zeretelis persönlichem Museum nichts zu suchen.

          Künstler als Witzfiguren

          Als Herzstück des vielköpfigen Staatsorganismus erscheint der Präsident auf dem Gruppenporträt, mit dem Sergej Kalinin und Farid Bogdalow eine zeitgenössische Antwort auf Ilja Repins Großgemälde der feierlichen „Staatsratssitzung“ formulierten. Wie Zar Nikolai bei Repin kommt auch Putin bei Kalinin und Bogdalow die Mittelposition samt Festuniform, vor allem aber ein einsam versonnenes En-face-Antlitz zu, das überzeichnete Profilköpfe umkreisen wie Planeten die Sonne. Die naive Barbarenattitüde, in welche die Gruppe der „Blauen Nasen“ ihre groben Kunstscherze kleidet, wirkt wie eine neue Form russischen Gottesnarrentums. Auf selbstsatirischen Fotos posieren die Künstler als Witzfiguren, albern ahnungsvoll getarnt mit Putin-, Bush- und Bin-Ladin-Masken.

          Eine eindrucksvolle Form künstlerischer Askese fand David Ter Oganjan, der die Machtspitze in ihrer ureigenen Sprache polizeilicher Phantombilder sich selbst porträtieren läßt. Ter Oganjans aus dem unerschöpflichen Computerfundus physiognomischer Versatzstücke zusammengesetztes, dabei überraschend unähnliches Putin-Bildnis raubt dem Zaren alle seine Kleider.

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