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Rubens´ Erfolg in Stuttgart : Aus einem mach viele

Das Wappentuch der Familie Spinola links oben so bunt wie das Gefieder des Papageis auf ihrer Stuhllehne: Rubens´ „Veronica Spinola Serra“ von um 1605/06 aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe Bild: Staatsgalerie Stuttgart

100G statt 3G: Stuttgarts Staatsgalerie verblüfft mit 100 Rubens-Gemälden, darunter vielen unbekannten – und neuen Einsichten.

          5 Min.

          Über dem Eingang der Stuttgarter Ausstellung zu Rubens stehen unsichtbar zwei Ketzerfragen geschrieben: Braucht es wirklich eine weitere Schau zu diesem in allen großen Häusern der Welt hängenden und breit ausgestellten Popularisierer der Barockmalerei (summiert mit allen auch nach Reproduktionsgraphiken - die er nicht unterband, sondern förderte - gemalten  „Rubens“ schätzt man die heute noch weltweit flottierende Menge auf fünfzigtausend)? Und vor allem steht da mit großem Fragezeichen: Warum in der Staatsgalerie Stuttgart, die bis dato gerade mal einen Rubens ihr Eigen nannte, und selbst den nicht als Altbestand, sondern erst seit 1965. Kein Künstler passte in den proper-prosperierenden Neobarock Ludwig Erhards so gut wie Rubens, und so wurde damals die prachtvoll gekleidete italienische „Alte Dame“ mit dem nicht minder herausgeputzten „Mädchen“ neben ihr mit viel Wirtschaftswundergeld angekauft. Doch bleibt ein Bild zu wenig Eigenbestand für eine tragende Ausstellung.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Naturgemäß riskierte man aber im Ländle keine Blamage – und die Besucher haben mit der Schau viel gewonnen. Die klare Bejahung der zweiten Frage erklärt zugleich die erste – durch intensive einjährige Beforschung aller auch nur entfernt rubenesk aussehenden Bestände tief im Depot wurden aus dem einen plötzlich dreizehn Rubens – und viel Neuerkenntnis, ganz ohne Etikettenschwindel oder erkaufte Neuzuschreibungen durch Autoritäten. Das prägnanteste Beispiel dafür ist der „Weibliche Studienkopf“, der erst im vierten Saal auf seine Neuentdeckung durch die Besucher wartet. Obwohl da eine wahre Rubensfrau mit geschürzten Lippen gen Himmel blickt, verstaubte das relativ kleine, weil auf allen Seiten be­schnittene Bild jahrzehntelang im Lager unerkannt als kopiertes Werkstattbild. Die Staatsgalerie aber nutzte die erzwungene Corona-Pause, um ihre rubenesken Bestände kunsttechnologisch zu durchleuchten: Quellen wurden studiert, präzise Dendrochronologien erstellt, Unterzeichnungen sichtbar gemacht, Farben analysiert. Wobei unter anderem aus Rubens´ römischer Zeit ein bislang unbekanntes Gelb identifiziert wurde, alchemistisch klangvoll “Bleizinnantimongelb“ getauft, das - ursprünglich für Keramikglasuren verwendet - viel zu seinem einmaligen Schmelz von Haut und Glanz von Stoffen beitrug.   

          Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein: Rubens’  „Vitellius“ aus einem von mindestens drei Cäsaren-Zyklen, vor 1600. Bilderstrecke
          Rubens in Stuttgart : Taktile Reize

          Bei besagtem Brustbild der Frau fiel sehr bald auf, dass es ursprünglich in Öl auf Papier gemalt worden war, dann auf Leinwand aufgezogen und schließlich auf eine Holztafel fixiert wurde, was beim Fabrikat eines Gesellen keinen Sinn ergäbe. Stilistisch wird es nun vom Experten Nico Van Hout dem Meister selbst zugeschrieben, und das mit vollem Recht: In ihren nach oben gerollten Augen spielt sich wie in einer Glaskugel ein gewaltiges Kopfkino ab. Der rechte Träger ihres Gewandes rutscht natürlich vollkommen zufällig nach unten, sodass das weiße Leinen unter karmesinrotem Obergewand gerade noch die Brustwarze bedeckt, den Hof aber bereits enthüllt. Das alles hätten die besten Schüler vielleicht noch vermocht, was aber nur Rubens kann – Mitbringsel aus Italien? – ist der hauchzarte Sonnenbrand, der zu beiden Seiten des Kleiderträgers eine kaum merkliche Übergangszone ins weiße Inkarnat markiert. Ein echter Rubens gibt sich nach wie vor am besten über die taktilen Reize seiner schier unendlich differenzierten Hautoberflächen zu erkennen.

          Gemalte Haut zum Streicheln mit dem Auge

          Neben diesem gemalten Paradox einer „subtilen Rubensfrau“ hängt als Beleg der phantasievollen Transformationen solcher Studienköpfe in alle möglichen Format- und Themenvarianten die überlebensgroße Magdalena und ihre Schwester Martha aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, die den himmelnden Blick des „Vor-Bildes“ ebenso nachvollziehbar übernimmt wie eine gewisse nachhallende Verruchtheit der ehemaligen Sonnenbrand-„Sünderin“. Das Jahresringzählen des Holzes ergab zudem ein frühes Datum, sodass nun das Stuttgarter Frauenmodell eine der frühesten überlieferten Kopfstudien von Rubens überhaupt ist.

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