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Roy Lichtenstein in London : Der größte Fang

  • -Aktualisiert am

Roy Lichtenstein war ein erfolgloser Maler und fast vierzig Jahre alt, als ihm die Idee kam, Comics abzumalen. Eine Ausstellung in London zeigt, wie ihn dieser Einfall zum Weltstar der Pop-Art machte.

          3 Min.

          Roy Lichtenstein war ein Spätzünder. Er ging bereits auf die vierzig zu, als er 1962 den Durchbruch schaffte: mit der ersten Einzelausstellung seiner plakativ vergrößerten Motive aus Comic-Heften und der den amerikanischen Traum verheißenden Konsumwelt. In der jahrzehntelangen Suche nach einer eigenen Bildsprache hatte Lichtenstein epigonenhaft an Vorbilder angeknüpft, die von der amerikanischen Heimatkunst über Picasso, Klee und Léger bis hin zum Abstrakten Expressionismus reichten. Dann schlug er eine neue Bahn ein. 1961 malte Lichtenstein sein erstes Popkunstwerk, „Look Mickey“. Mit diesem ironischen Griff in die amerikanische Massenkultur gelang ihm schließlich der Befreiungsschlag. Zwanzig Jahre zuvor hatte Mickymaus im Disney-Film „Fantasia“ am Frackzipfel Leopold Stockowskis gezogen und dem Dirigenten mit einem Handschlag gratuliert. Lichtenstein ging mit seinem Bild noch einen Schritt weiter: Das Triviale wurde auf die Ebene der hohen Kunst gehoben.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Entstehung von „Look Mickey“ ist längst Gegenstand von Legenden: Mal heißt es, die Mitschüler von Lichtensteins Sohn hätten gespottet, sein Vater male bloß aus künstlerischem Unvermögen abstrakt, und der Künstler habe die Spötter durch eine große Mickymaus-Zeichnung zum Schweigen bringen wollen. Einer anderen Version zufolge hatten Lichtensteins Kinder gestichelt, der Vater könne nicht so gut malen wie die Comic-Zeichner. Ihnen zum Vergnügen habe er mittels eines Projektionsapparats eine riesengroße Mickymaus an die Schlafzimmerwand übertragen. Die banalen Quellen seiner Kunst hervorhebend, die nach den Worten seiner Witwe „unter der Schwelle seines eigenen Geschmacks“ lagen, kokettierte Lichtenstein gern, dass ihm eine Kaugummiverpackung als Inspiration gedient habe. Seine Witwe gesteht, er habe selbst nicht mehr genau gewusst, wie alles begann. „Look Mickey“ sei der Anfang eines „zweiten Lebens“ gewesen, sagte Lichtenstein später, danach habe es kein Zurück mehr gegeben. In der Mythologie der Pop-Art kommt das Gemälde denn auch einem Erleuchtungsmoment gleich.

          Variationen eines Themas

          Deswegen hängt es in der Londoner Tate Modern direkt gegenüber dem Eingang, so dass der Besucher als Erstes darauf zugeht. Es ist der Auftakt zur umfassendsten Werkschau seit Lichtensteins Tod vor knapp sechzehn Jahren. Die Retrospektive gastierte zuvor in Chicago und Washington, sie wandert noch nach Paris. Und es ist verlockend, das Bild noch weiter auszudeuten: Zu sehen ist nämlich nicht nur Mickymaus, sondern auch Donald Duck, der meint, einen großen Fisch gefangen zu haben, wo sich zur Erheiterung von Mickey doch bloß der Haken in der Entenjacke verfangen hat. Kann das als ein Kommentar des selbstironischen Künstlers gelesen werden?

          Alles, was danach kam, waren, wie die Londoner Ausstellung deutlich macht, bloß Variationen eines Themas, wobei einige Variationen gelungener sind als andere. Die an der Grenze zur Abstraktion stehenden Schwarzweißdarstellungen von Alltagsgegenständen sowie die den zerebralen Ansatz von Lichtensteins Kunst unterstreichenden Spiegelbilder überzeugen mehr als die Auseinandersetzung mit der abstrakten Kunst in der Serie „Perfect/Imperfect“ aus den achtziger Jahren.

          Von dem amerikanischen Kritiker Robert Rosenblum stammt der Satz, Roy Lichtenstein sei, was den Großteil der Welt angehe, im Frühjahr 1962 in der Galerie des New Yorker Händlers Leo Castelli geboren, wo die erste Einzelausstellung stattfand. Diesen Eindruck betont die von Sheena Wagstaff und James Rondeau weitgehend thematisch geordnete Schau, indem sie mit den Pop-Bildern beginnt. Hier und da werden Kostproben aus dem Frühwerk eingestreut, darunter die 1951 nach der Art von Klee gemalte Nachempfindung einer amerikanischen Ikone, das Historiengemälde „Washington beim Überqueren des Delaware“ des Malers Emanuel Gottlieb Leutze. In Lichtensteins zaghaft origineller Interpretation kündigen sich die Vereinfachung der Form, die Flächigkeit und der teilweise parodistische Dialog mit der klassischen Moderne an, die sein späteres Werk kennzeichnen.

          Kunsthistorische Parodien

          Überhaupt weisen die frühen Arbeiten eine Kontinuität auf, die die Legende des wie aus dem Nichts auftauchenden Pop-Künstlers widerlegt. Das belegen auch die aufschlussreichen Zeichnungen. Sie besitzen eine Freiheit und eine Wärme, die Lichtenstein bei der Umsetzung auf die Leinwand in dem Bestreben ausmerzt, die Spuren seiner eigenen Hand zu verbergen. Das Motiv war für ihn nebensächlich. Es diente ihm als Vorwand für die Ergründung des Wesens der Malerei, das er nicht in der Nachahmung der Realität sah, sondern in der Verbildlichung des Wahrnehmungsaktes mittels chiffrenhafter Zeichen, wie sie eben in der Werbung und in Comics besonders wirksam eingesetzt werden. Um diesen Standpunkt zu beleuchten, stellt die Ausstellung die riesigen Pinselstrich-Bilder der sechziger Jahre an den Anfang, sie folgen auf „Look Mickey“. In ihnen karikiert Lichtenstein den spontanen Gestus des Abstrakten Expressionismus mit seiner akribischen, scheinbar mechanischen Malweise.

          Und der erste Teil versetzt den Betrachter auch noch in gehobene Stimmung: Hier trifft man auf die vor Witz und Selbstironie sprudelnden Persiflagen seufzender Comic-Heldinnen und ihrer Prachtkerle. Mit den kunsthistorischen Parodien setzt jedoch ein Ermüdungseffekt ein. Ganz am Schluss seines Lebens, als Lichtenstein die Wesenszüge der traditionellen chinesischen Malerei mit seinen Punktrastern zu erfassen sucht, lässt er ein wenig Gefühl durchschimmern. Und das wirkt dann schon fast sentimental.

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