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Römisches Mosaik in England : Hektors Leichnam, mit Gold aufgewogen

Einzigartiges Mosaik: Was Englands Farmer so alles hüten. Bild: dpa

Wofür das Spazierengehen im Lockdown noch gut ist: In England wurde auf einem Acker ein römisches Mosaik mit Szenen aus der „Ilias“ gefunden.

          2 Min.

          Die Zufallsentdeckung einiger Keramikscherben zwischen Weizenähren hat im mittelenglischen Rutland zur Aus­grabung eines riesigen spätrömischen Mosaiks mit Szenen aus dem Trojanischen Krieg geführt. Jim Levine erspähte die ungewöhnlichen Scherben, als er im Sommer 2020 während des Lockdowns mit der Familie auf dem Ackerland seines Vaters spazieren ging.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Zu Hause schaute er sich daraufhin Satellitenbilder an. Sie wiesen eindeutige Bewuchsmerkmale auf, die auf verborgene archäologische Befunde deuteten. Die Wachstumsveränderungen wirkten, als habe jemand mit Kreide auf dem Bildschirm gezeichnet, berichtet Levine. Er benachrichtigte die zuständigen ört­lichen Behörden und setzte damit den Prozess in Gang, der die Denkmalschutzbehörde English Heritage dazu brachte, schnellstens Gelder für Ausgrabungen unter der Leitung des Archäologischen Dienstes an der Universität Leicester zur Verfügung zu stellen.

          Nicht weit unter der Erde fanden sie im August 2020 das etwa elf mal sieben Meter messende Mosaik, mit dem ein wohlhabender Romano-Brite im dritten oder vierten Jahrhundert nach Christus den Fußboden eines Speise- oder Unterhaltungsraumes seiner Villa auslegte. Der Raum ist Teil eines großen, von Grenzgräben umfassten Villenkomplexes mit Scheunen, runden Strukturen und womöglich auch einem Badehaus. Die drei wie Comicstreifen übereinanderliegenden Szenen stellen die blutige Rache des Achilles an Hektor dar. Im ersten Bild wird das Duell als Wagenkampf inszeniert. Der barhäuptige griechische Held, der sich für den Tod des geliebten Freundes Patroklos rächen will, treibt mit blitzenden blauen Augen seine Hengste Xanthos und Balios gegen den etwas mickriger dargestellten Hektor an. In der zweiten Szene schleift Achill den mit Schwertstichen versehenen Leichnam Hektors an seinem Streitwagen, während der durch seine phrygische Mütze gekennzeichnete König Priamos verzweifelt um die Herausgabe seines toten Sohnes fleht. In der letzten, von Homers Ilias abweichenden Szene wird Hektors Leichnam in Gold ausgewogen.

          Das Mosaik weist an verschiedenen Stellen Brandschäden auf. Die Archäologen vermuten, dass sie entstanden sind, als der Besitz womöglich nach dem Abzug der Römer aus Britannien Anfang des fünften Jahrhunderts verlassen wurde. In den Trümmern der Villa sind auch die Überreste von zwei Menschen ge­funden worden, die über dem Mosaik be­stattet wurden. Alles deutet darauf, dass es sich bei dem Villenbesitzer um einen gebildeten Menschen handelte, zumal das letzte von der homerischen Erzählung abweichende Bild sich wohl an die verloren gegangene Achilleus-Trilogie des Aischylos anlehnt.

          Zur Sicherung vor Metalldetektor­gängern haben die Behörden mit der Bekanntgabe des Fundes gewartet, bis das Areal unter Denkmalschutz gestellt wurde. Unterdessen sind die ausgehobenen Stellen wieder zugeschüttet worden. Im nächsten Jahr soll wieder gegraben werden. Man erhofft sich nicht nur weitere Aufschlüsse über die romano-britische Kultur, sondern auch, dass das Mosaik mit Hilfe von Geldern aus dem Ertrag der Staatslotterie an anderer Stelle ausgestellt werden kann.

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