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Kunst der Gegenwart in Berlin : Rettet die Rieckhallen!

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Aufbruchstimmung, zwei Monate vor der Eröffnung: Der Architekt Wilfried Kühn (l.), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und der Direktor der Staatlichen Museen zu Berlin, Klaus Peter Schuster Mitte Juli 2004 in den Rieckhallen Bild: Picture-Alliance

Die Rieckhallen sind ein Baudenkmal – und die ideale Umgebung für eines der Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts. Nun droht ihr Abriss und der Rückzug der Sammlung Flick aus Berlin. Beides sollte verhindert werden. Ein Gastbeitrag.

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          Über Weihnachten und Neujahr 1983/84 zeigte Joseph Beuys bei Konrad Fischer in Düsseldorf einen die gesamte Galerie umfassenden, mit Bleiplatten ausgekleideten, über sieben Meter langen und fünf Meter breiten Raum, von dessen drei Meter hohen Decke eine nackte Glühbirne unter zwei Silberringen spärliches Licht verbreitete: „Schmerzraum. Hinter dem Knochen wird gezählt.“ Dieser Raum, der sich heute in Barcelona befindet, war Beuys’ Antwort auf eine atomare Tragödie, die sich mit der Stationierung nuklearer Kurzstreckenraketen in Ost- und Westdeutschland anzubahnen schien.

          Was hinter dem Knochen zählt, ist die Seele, die es für Beuys zu retten galt, auch wenn der Planet zerstört werden sollte. Ein depressiv-dynamischer Raum, der den Besucher in die gnaden- und antwortlose Einsamkeit der Stücke von Samuel Beckett führte. Jenseits des Atlantiks antwortete der Künstler Bruce Nauman, der im Dezember, unmittelbar vor Beuys, im gleichen Raum bei Fischer mit seinen „Musical Chairs, Reise nach Jerusalem“ auf die weltweit zunehmende Gewalt rekurrierte, mit einem monumentalen Werk in der Galerie von Leo Castelli, das ebenfalls die Frage nach der Seele stellte: „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“. Drei gewaltige Korridore bildeten ein liegendes und ein aufgestelltes Kreuz, in deren Überschneidung, bewusst der klassischen Vierung kirchlicher Bauten abgesehen, ein Gitter eingelassen war, auf dem der Betrachter ratlos in einen schwach beleuchteten Schacht sah.

          Eine als Betonarchitektur im Freien aufgestellte Variante nannte Nauman bezeichnenderweise „The Center of the Universe“. Das Zentrum der Unendlichkeit als leeres Verlies? Die Welt war seelenlos geworden und scherte sich nicht darum. Ein bedrückender, bis heute nicht wahrgenommener Dialog zweier der genialsten Künstler unserer Zeit.

          Psychodynamische Performance

          Die Maquette mit dem Konzept der bei Castelli temporär gezeigten Fassung ist von dem Sammler Friedrich Christian Flick erworben worden. Nun ist bekannt, dass Naumans Korridore sozusagen das Bühnenbild einer psychodynamischen Performance sind, die der Besucher dieser Arbeiten absolvieren muss, will er verstehen, was der Künstler beabsichtigt. Aus billigen Baumarktmaterial errichtet, werden sie aufgeführt und wieder abgebaut. Das Material soll geschichtslos bleiben.

          Ganz anders verhält es sich mit seinem Seelenraum von 1984. Schon das Material ist aus einem besonderen dunklen Dämmstoff, die gelb strahlenden Lampen sind festgelegt, der Bau ist aufwendig, weil er verlangt, dass er nach unten und oben geführt wird, also Baumaßnahmen erfordert, die nicht so leicht zu revidieren sind. Zweifellos suchte dieses Werk nach seinem Debüt und Probeauftritt bei Castelli nach einem dauerhaften Ort. Ein herkömmliches Museum mit seinem erhabenen Dekor, durch das man von Werk zu Werk wandert, war als Ort für diese Meditation über die Seele schwer vorstellbar.

          Durch den glücklichen Umstand, dass die Sammlung Flick in die Rieckhallen einzog, einem vom Pragmatismus der Güteraufbewahrung bestimmten, aus fünf hintereinander gestaffelten Hallen bestehenden Zweckbau hinter dem Hamburger Bahnhof, zeigte sich die letzte Halle in ihrer unberührten Fassung als der ideale Ort für dieses erschütternde und in jeder Hinsicht kostbare Werk. Die verlassene, unsanierte Apsis des Güterumschlagplatzes, die puren, von jeder ästhetisch begründeten Veränderung freien Ziegelwände, sogar der Staub warteten auf dieses Werk. Der Ort war gefunden. Aber die von Nauman ursprünglich gewollte Dimension gleich langer Korridore, war selbst in dieser großräumigen Halle nicht zu realisieren. Deshalb wurde der Künstler gebeten, seine Arbeit an den Ort anzupassen.

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