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„Ring des Nibelungen“ : Wagner, gefaltet

Das ganze Personal des „Rings“ auf einen Blick: Auf dem Extrabogen von Martin Starks Kassette bildet die Weltesche das zentrale Motiv, verwurzelt in Niebelheim und wipfelnd in Wallhall. In der Mitte: das verflixte Rheingold. Bild: Martin Stark/Büchergilde Gutenbe

Ein kleiner Trost in Zeiten geschlossener Theaterbühnen ist Martin Starks Meisterstück in Strichen: Eine Faltblatt-Version von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

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          Es sind schlechte Zeiten für Wagnerianer: Die Bayreuther Festspiele fielen aus, die Opernhäuser sind wieder zu, und als sie noch offen waren, konnte man Wagner kaum mehr auf die Bühne bringen, weil die Hygienekonzepte die Aufführungsdauern meist auf zwei Stunden beschränkten. Immer nur „Fliegender Holländer“ wäre langweilig, also erstellten einige Häuser gekürzte Versionen der anderen viel längeren Opern.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Manchmal fiel das gar nicht so schlecht aus, etwa im Falle des am letzten Öffnungstag noch blitzschnell eingeschobenen Leipziger „Lohengrins“ – weitgehend bereinigt um das endlose Gemähre zwischen Ortrud und Telramund. Aber „Lohengrin“ ist ja auch klassische Oper in dem Sinne, dass Wagners Gesamtkunstwerkkonzept da noch nicht ausgereift war. In den späteren Werken greifen die Leitmotive und Arien derart ineinander, dass man nicht einfach eine Strichfassung erstellen kann, ohne dem Werk unüberhörbar Gewalt anzutun. Ein „Ring des Nibelungen“ etwa ist nicht herunterzukürzen.

          Nicht auf der Bühne jedenfalls, aber auf Papier schon. Das beweist Martin Stark. Der 1973 geborene Illustrator hat für die grafikaffine Büchergilde Gutenberg bereits zwei literarische Klassiker bebildert: Heinrich Manns „Professor Unrat“ und Mary Shelleys „Frankenstein“. Allerdings waren das jeweils Zeichnungen in der Tradition illustrierter Bücher: Begleitbilder zum Text. Starks „Ring des Nibelungen nach Richard Wagner“ versucht etwas anderes. Er will das Operngeschehen veranschaulichen, ohne dass man den Text dazu brauchte, geschweige denn die Musik. Das gelingt durch Schematisierung, wozu die jugendstilartige Linienkunst Starks besonders geeignet ist.

          Handlungsstränge auf Faltblättern

          Aber weil alles bei Wagner auch inhaltlich derart miteinander verwoben ist – Figurenschicksale und Handlungsmotivationen –, dass man nicht einfach den Beginn vom Ende trennen kann, braucht auch eine schematische Darstellung in Bildern Platz. Stark hat deshalb für jede der vier Opern einen eigenen Bilderbogen bezeichnet, und die Resultate sind nun auf als auf ein Viertel („Rheingold“ und „Walküre“), ein Sechstel („Siegfried“) beziehungsweise gar ein Achtel („Götterdämmerung“) zusammengefaltete Blätter in einer Schmuckkassette erschienen (wieder bei der Büchergilde), die als Bonus noch einen weiteren Bogen mit dem gesamten Personentableau bietet. Auf dessen Rückseite sind zudem die Besetzungslisten abgedruckt (Rollennamen und Instrumente des Orchesters), während die anderen Bögen rückseitig jeweils den ganzen Wagner-Text bieten, allerdings in – sagen wir mal – vergrößerungsbedürftiger Schrift.

          Der Clou der Sache ist jedoch Starks schwarzweiße Visualisierung der Handlungen, deren Ablauf dreimal durch ein eingezeichnetes Nornenseil deutlich gemacht wird. Für „Rheingold“ wählt Stark eine vertikale Aufrissästhetik: oben natürlich Wallhall, unten Nibelheim und der Rhein, dazwischen in piktogrammatischer Verkürzung das, was sich abspielt. Der „Walküre“-Bilderbogen erfordert dagegen ein permanentes Drehen des Blattes – wie sich auch das Personal dieser Oper ständig neu orientieren muss, um der überraschenden Konstellationen Herr zu bleiben. „Siegfried“ schließlich ist von unten links nach oben rechts über drei Reihen wie eine klassische Comicsequenz organisiert.

          Dann aber reißt zu Beginn von „Götterdämmerung“ der Faden, und das noch Folgende verteilt sich auf zwei einander kopfüber gegenübergestellte Hälften, deren Zäsur Hagens Traum darstellt. Stark hat ein feines Gespür für die Schlüsselszenen des Dramas, und so statisch er seine wie Spielzeug wirkenden Figuren auch zeichnet, wird das Bilderbogen-Set durch Dichte und Detailvielfalt der großen Tableaus der Komplexität der Vorlage gerecht: Wagners Musik ersetzt Stark durch Rhythmisierung und Fluss der Zeichnungen.

          Es ist also ein Wunderwerk eigenen Rechts, dieses Papiertheater. Der „Ring“ auf etwa einem Quadratmeter Bildfläche, aber ganz groß. Ein Trost für all jene Wagner-Wehwalte, die sich mit Tonkonserven in der Corona-Zeit nicht bescheiden wollen. Hier können sie wieder zu Sehwalten werden.

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