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Thomas Demand in Moskau : Die Flucht des Spions in die Papiergruft

  • -Aktualisiert am

Wie ein Ruheplatz im Jenseits: Thomas Demand, Asyl II Bild: Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bo

Thomas Demand eröffnet seine Retrospektive in der Moskauer Garage: Dank der Verbindungen des Museums kann er hier auch zeigen, wie Edward Snowden nach seiner Flucht nach Russland von seinem früheren Leben Abschied nahm.

          4 Min.

          Thomas Demand, der Künstler, der mit seinen Fotos von aus Papier rekonstruierten Erinnerungsorten den Blick von Au­ßerirdischen auf das menschliche Er­be vorstellbar macht, hat Freunde in der Stra­tosphäre der Kultur. In die Retrospektive seiner Werke, die Demand jetzt in der Moskauer Garage, dem Museum für Zeitgenössisches im Gorki-Park, er­öffnete, in­tegriert er auch seinen schöpferischen Dialog mit Alexander Kluge, der in drei Multikanalfilmcollagen zum Thema Russland und dem Planeten Erde vertreten ist, anzuschauen in von der Decke hängenden Raumschiffpavillons. Der Ge­schichts­mystifikator Kluge steu­erte zur Ver­nis­sage einen glühenden Vi­deogruß aus München bei, worin er dazu aufruft, den Algorithmen von Silicon Val­ley mit Algorithmen der Kunst entgegenzutreten, und die Garage als einen der wenigen Leuchttürme preist, die deren Signal über den Globus verbreiteten.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dank des starken Signals der Garage kam auch Demands jüngstes Werk erst zustande, der maßstabgetreue Nachbau und die fotografische Inszenierung jenes hermetisch abgeschotteten Hotelzimmers im Transitbereich des Moskauer Flug­hafens Scheremetjewo, wo der aus Hongkong geflohene amerikanische Ex-Geheimdienstler Edward Snowden 2013 fünf Wochen zubrachte, bevor er in Russland Asyl erhielt. Er habe sich seit Jahren um Informationen über jene Räume be­müht, sagt Demand, journalistische Re­cher­cheure hätten ihm aber nicht helfen können. Erst die Garage – insbesondere der Einsatz von deren Mitbegründer Ro­man Abramowitsch, so ein Kurator – eröffnete unlängst einem Fotografen den Zutritt zu der 2013 gerade fertiggestellten Herberge, in der Snowden mehr als einen Monat als einziger Bewohner in einem – der Zwischenzone entsprechend – fensterlosen Zim­mer untergebracht war.

          Im Kokon der Überwachung: Ansicht der Decke in Thomas Demands Serie „Asyl“ (2021).
          Im Kokon der Überwachung: Ansicht der Decke in Thomas Demands Serie „Asyl“ (2021). : Bild: Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bo

          Die fünfteilige Bildfolge mit dem Titel „Asyl“ (Refuge) versetzt in die Pa­pier­replik jener einem Kokon von Überwachungstechnik gleichenden Gruft, wo Snow­den, der Überwachungsmethoden der ihn beschäftigenden Dienste publik gemacht hatte und daher vor einem Verfahren wegen Hochverrats mit möglichem Todesurteil floh, mit seinem bisherigen Leben abschloss. Die teils fein gefaserten, teils silbrig glatten, täuschend naturalistisch ausgeleuchteten Oberflächen wirken daher auch wie das monumentale Äquivalent jener auf Papier ge­druckten Güter, die man in China Verstorbenen mitgibt. Daran erinnert zumal das Kopfkissen aus schneeweißem Seidenpapier, das, gefüttert mit Schredderzellulose, un­ter der gelblichen Lampenscheibe transparent schimmert. Die wie stets bei De­mand als schematische Dummys kenntlichen Steckdosen, Rauchmelder, Telefonhörer, aber auch der kurze, enge, auf eine Wand zulaufende Hotelkorridor vermitteln das Gefühl völligen Kommunikationsverlusts. Der reale Snow­den, mit dem Demand in losem Kontakt stehen will, ist inzwischen freilich Familienvater, er hat erklärt, die russische Staatsbürgerschaft annehmen zu wollen, und wird, wie Kunstfreunde versichern, gelegentlich in der Tretjakow-Galerie gesehen.

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