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Retrospektive in Zürich : Das System Picasso

  • -Aktualisiert am

Zürich hat die erste Retrospektive Picassos aus dem Jahr 1932 rekonstruiert. Inzwischen beträgt der Versicherungswert dieser Werke zwei Milliarden Franken. Beim Abschreiten der chronologisch gehängten Bilderreihe offenbart sich ein Erfolgsrezept der Moderne.

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          Als im Kunsthaus Zürich das Licht ausging und blitzschnell die Notstromaggregate ansprangen, da schoss es einem durch den Kopf: Jetzt haben sie einen Picasso geklaut! Eigenartig war nur, dass man sich dabei zu nicht mehr als einem „Aha!“ durchringen konnte, als wäre eingetreten, womit ohnehin zu rechnen ist. Und tatsächlich könnte man den Eindruck gewinnen, Picassos Werke werden mehr gestohlen als ausgestellt und zwischen den Diebstählen entweder gefälscht oder für Rekordpreise verkauft: Man denke an den französischen Elektriker Pierre Le Guennec, dem Picasso angeblich 271 Werke schenkte; oder an den Rekordpreis von 106 Millionen Dollar, für den ein Bild Picassos bei einer Auktion im Mai von einem unbekannten Käufer erworben wurde. Picassos Bilder verblassen, in unseren Köpfen werden sie durch Zahlen ersetzt: zehn Millionen, fünfzig Millionen, hundert Millionen.

          In Zürich sprang jedoch das Licht wieder an - es war nur ein Stromausfall. Die hundert Gemälde, deren Versicherungswert zwei Milliarden Franken beträgt, hingen noch an ihrem Platz. Zwei Milliarden: Darauf beläuft sich heute der Wahnsinn, Picasso auszustellen. Was bedeutet das für unsere Wahrnehmung? Rekonstruiert wurde in Zürich eine Ausstellung, die 1932 im Kunsthaus stattfand. Es war Picassos erste Museumsausstellung, und wir kommen knapp achtzig Jahre später nicht umhin, die zurückgekehrten Bilder wie eine Galerie verrückter Zauberer anzustarren. Ihr Witz ist natürlich: Man kann es ihnen nicht ansehen.

          Man hofft auf einen Massenerfolg

          Aber die klug kuratierte Schau in Zürich lässt sich dennoch auf das unsichtbare Spiel hinter den Bildern ein, sowohl im Katalog als auch in der Schau; eine Entscheidung, die man dem Kunsthaus gar nicht hoch genug anrechnen kann. Natürlich hofft man auch hier auf einen Massenerfolg - aber ohne die Besucher für dumm zu verkaufen. Denn gerade bei Blockbustern, die kommerzielle Veranstaltungen sind, verschanzen sich die Museen häufig hinter moralischen Begriffen: „Rühren“, „erschüttern“ oder „schockieren“ sollen die Kunstwerke. Dabei ist jede Ausstellung von Interessen durchtränkt: Einer der Leihgeber in Zürich ist beispielsweise David Nahmad, einer der international mächtigsten Kunsthändler.

          Und damit wären wir auch schon mitten im Thema der Picasso-Schau in Zürich: Denn warum stellte Picasso 1932 ausgerechnet hier aus? Weil Alfred Barr, der legendäre Gründungsdirektor des Museums of Modern Art, es als Zumutung empfand, eine Ausstellung zu präsentieren, die nicht ein Museum, sondern der Künstler zusammen mit seinen Händlern konzipiert hatte. Nachdem der Kunstmarkt durch die Weltwirtschaftskrise eingebrochen war, hatten sich die eigentlich konkurrierenden Galerien Bernheim, Rosenberg und Wildenstein zusammengetan und die Picasso-Retrospektive aus der Taufe gehoben. Frankreich, England und Spanien kamen für eine Schau nicht in Frage, da die Museen dort zu diesem Zeitpunkt keine Gegenwartskunst ausstellten.

          Preislisten von früher ausgestellt

          In Berlin tobte der Wahlkampf der Nationalsozialisten. Zürich aber wies zwei Vorteile auf: Das Kunsthaus blickte erstens als Museum auf eine stolze Tradition zurück; und zweitens bot es aufgrund seiner Struktur als privater Kunstverein den zusätzlichen Vorteil, dass aus den Ausstellungen verkauft werden konnte. Die Preislisten von damals liegen heute in Vitrinen aus, zwischen 200.000 und 300.000 Francs kostete ein Picasso. Das Haus hatte man leer geräumt, um für zweihundertfünfzig Bilder Platz zu schaffen.

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