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Hans Hoffmann in Nürnberg : Mehr Schatten für den berühmten Hasen

Falscher Hase im lockigeren Haar: Hans Hoffmanns von oben gesehener Meister Lampe nach der Vorlage Albrecht Dürers, um 1580. Bild: Staatliche Museen zu Berlin

Ihn hätte Loriot wohl gern seinen Pirol malen lassen: Das Germanische Nationalmuseum zeigt Werke von Hans Hoffmann. Er war der wichtigste Kopist Albrecht Dürers und hatte trotzdem seine ganz eigene Handschrift.

          4 Min.

          Karten auf den Tisch: Wer sich für Grafik auf hohem Niveau begeistert und sie sammelt, wird irgendwann einmal einen Dürer sein Eigen nennen wollen – und vielen gelingt dies auch. Doch groß ist dann das Ungemach, wenn sich der echte Albrecht als falscher Hans herausstellt. Niemand hat so viel Dürer kopiert wie der wahrscheinlich 1545 in Nürnberg geborene und im Winter 1591 auf 1592 gestorbene Hans Hoffmann. Mit dem berühmten „AD“ signierte und unsignierte Hasen, Heuschrecken, Schnecken und Madonnen, aber auch Meisterstiche wie „Ritter, Tod und Teufel“ oder „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ waren oft lange Jahre der Stolz von Museen oder Sammlern und entpuppten sich eines Tages als Hoffmann-Kopien nach Dürer. Die 150 Werke des Meisters und seines „Nachfolgers“ in der Ausstellung „Hans Hoffmann – ein europäischer Künstler der Renaissance“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg belegen, dass man auf das abfällige „nur“ und „Kopien“ getrost verzichten kann. Hoffmann ist zwar wohlhabend geworden mit dem Kopieren, hat aber auf den Spuren des bewunderten Vorbilds seinen eigenen Weg gefunden – und ist nach der lehrreichen Schau auch in den Nachahmungen vom Meister zu unterscheiden.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          In der ersten der sieben Sektionen mag man das noch nicht glauben. Das 1573 entstandene Bildnis der „Barbara Möhringer geborene Hertz“ mit übereinandergelegten Händen vor schwarzem Hintergrund ist noch so stocksteif, dass es mit dem gestrengen Blick und der hervortretenden Schläfenader auch in eine Galerie transsylvanischer Vlad-Verwandter gehören könnte. Nicht nur ist das Bild jedoch Hoffmanns allererstes Porträt; auch der miserable Erhaltungszustand und viele Retuschen verstärken den hölzernen Eindruck der Dame. Stilistisch ist stark der Einfluss des tatsächlichen Lehrers Nicolas Neufchatel zu spüren (Dürer war ja bereits 1528, lange vor Hoffmanns Geburt, gestorben); einige raffinierte Feinheiten im üppigen Schmuck der konterfeiten Goldschmiedetochter sowie das rechts oben nach italienischem Vorbild im Nachtschwarz schwebende „Cartello“-Zettelchen mit einer durchaus selbstbewussten Inschrift lassen bereits den Willen zur eigenen Gestaltung ahnen.

          Teilkopie samt eigener, knotigerer Variante: Hans Hoffmanns Komposition mit Dürers „Betenden Händen“ Bilderstrecke
          Ausstellung Hans Hoffmann : Hans Hoffmann – Ein europäischer Künstler der Renaissance.

          Dann aber folgt die Dürer-Rezeption, die auch und vor allem durch Hoffmann um 1600 zu einer wahren „Dürer-Renaissance“ führen sollte. Die Habseligkeiten und Oberflächenschilderungen wie Maserungen im Meisterstich „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ wiederholt Hoffmann derart präzise, dass nur Spezialisten sie unterscheiden können. Nicht so bei Hoffmanns Porträtkopie des Nürnberger Patriziers Hieronymus Holzschuher, dessen bärtigen Intellektuellen-Kopf man auf dem Meisterstich wiederzufinden meint: Die Konturen der kopierten Porträtierten stimmen stets zu hundert Prozent überein, aber die Binnenzeichnung in den Gesichtern differiert stark. Im Fall des Patriziers und bei den Kopien von Dürers Lehrer Michael Wolgemut sind es vor allem die Haare, die „bauschiger“ sind, bei Dürers markantem „Bildnis eines dreiundneunzigjährigen Mannes“ scheint in Hoffmanns Kopie die Nase wie ein Knollenblätterpilz noch immer weiter aufzupoppen, während die Falten auf seiner Stirn geradezu einen Gewitterreigen veranstalten.

          Hoffmanns Eigenständigkeit zeigt sich Händen und Hasen

          Hochinstruktiv ist in der Schau ausgebreitet die – ebenso wie beim Konkurrenten Cranach – europaweite Verbreitung von Dürers ikonischem „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“. Von den vier bekannten Kopien stammen mindestens zwei von Hoffmann aus den Jahren um 1580. Von ihm haben sich zahlreiche Finger-Studien erhalten, die jene manierierte Erklärgestik des kleinen Heilands vor den Schriftgelehrten im Tempel genauestens analysieren, bisweilen sogar wie im Budapester Beispiel in Farbe. Noch Caravaggio als Erfinder der Barockmalerei wird diesen dürerschen Redegestus bei seinem Matthäusengel von San Luigi dei Francesi in Rom ins Bild setzen. Während aber Hoffmann in den Kopien des Dürer-Gemäldes den klugen Gottessohn im Zentrum nicht anzurühren wagt, verändert er nahezu das gesamte restliche Personal im Hintergrund. Die Pharisäer erhalten andere Charaktere, Mimiken, Gesten. Hoffmann schreckt nicht einmal davor zurück, manche von ihnen radikal zu verjüngen.

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