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Rijksmuseum in Amsterdam : Rembrandts „Nachtwache“ erstmals vollständig zu sehen

„Die Nachtwache“ von Rembrandt im Amsterdamer Rijksmuseum: rekonstruiert und im Originalformat. Bild: dpa

Komplott im Kleinen Kriegsratzimmer: Das Rijksmuseum in Amsterdam hat Rembrandts „Nachtwache“ um Nachbildungen vor dreihundert Jahren abgetrennter Teile ergänzt. Eigentlich zeigt das Werk eine Aufbruchssituation.

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          Im Grunde ist die Sache unbegreiflich und bis heute ein Rätsel: Seit dreihundert Jahren ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt unvollständig, fragmentarisch, verstümmelt. Fast drei Millionen Besucher im Jahr hatte das Amsterdamer Rijksmuseum vor der Pandemie, und die meisten von ihnen dürften zumindest einen kurzen Blick auf Rembrandts „Nachtwache“ geworfen haben. Aber nicht allen wird bewusst gewesen sein, dass sie vor einem Kunstwerk standen, das vor Jahrhunderten energisch beschnitten wurde. Heute würde man von einem barbarischen Akt sprechen, damals war es vermutlich nur der schale Triumph des Pragmatismus über die Kunst, deren Ewigkeitsansprüche mit einer simplen Schere zunichtegemacht werden können.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Rembrandt vollendete die „Nachtwache“ im Jahr 1642. Das Gemälde war eine Auftragsarbeit für die Schützengilde, die ihren neuen Festsaal im prächtigen Bau des „Kloveniersdoelen“ damit schmücken wollte. Dort hing das Bild zunächst zusammen mit sechs weiteren Schützenstücken. Im Jahr 1715 wurde dieses Ensemble auseinandergerissen und die „Nachtwache“ in das damalige Rathaus überführt, das seit 1808 als Königspalast dient. Hier sollte die „Nachtwache“ in einem Raum untergebracht werden, dessen Name wie ein Menetekel klingt. Denn das „Kleine Kriegsratzimmer“ war tatsächlich zu klein für das Format, das Rembrandt für sein Werk gewählt hatte. Der für die Hängung vorgesehene Platz zwischen zwei Türen reichte nicht aus, aber anstatt einen anderen Ort zu suchen, griff man zu Schere oder Messer und beschnitt das Gemälde an allen vier Seiten. Den größten Verlust hatte der linke Rand zu verzeichnen. Hier fehlen seitdem 64,4 Zentimeter. Das Gesamtformat schmolz von 393,1 x 507,4 Zentimeter auf 379,5 x 436 Zentimeter zusammen. Wer den Beschnitt anordnete, wer ihn ausführte, ob er das Ergebnis langer Beratungen im „Kleinen Kriegsratzimmer“ war oder spontan erfolgte, all das ist heute unbekannt. Von den abgeschnittenen Teilen der „Nachtwache“ fehlt seit damals jede Spur.

          Einzug in die Ehrenhalle

          Rembrandt starb 1669 in ärmlichen Verhältnissen. Bereits 1656 war er für zahlungsunfähig erklärt worden, sein Haus und seine umfangreiche Sammlung mussten versteigert werden, ohne dass der Erlös ausgereicht hätte, die Schulden zu begleichen. Seine Bilder blieben begehrt, aber zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts hatte sein Ruf stark gelitten. Erst im Lauf den neunzehnten Jahrhunderts erlangte Rembrandt seinen Status als niederländischer Nationalmaler, der dazu führte, dass die „Nachtwache“ wie in einem Triumphzug ins 1885 eröffnete Rijksmuseum überführt wurde. Die vierundzwanzig Männer, die das Gemälde trugen, sangen bei ihrem Einzug in die „Ehrenhalle“ des Museums die Nationalhymne.

          Wer das kathedralenartige Bauwerk durchquert, passiert in der ersten Seitenkapelle zur Rechten den „Fröhlichen Trinker“ von Frans Hals und eines der hinreißenden Stillleben von Willem Claeszoon Heda, während eine weitere Kapelle schräg gegenüber vier Werken Vermeers gewidmet ist. Den Hauptaltar in dieser kunstreligiösen Inszenierung bildet Rembrandts „Nachtwache“.

          Vor zwei Jahren hat das Rijksmseum die „Operation Night Watch“ gestartet, die bislang umfassendste Untersuchung des Gemäldes. Die Ergebnisse neuester Untersuchungsmethoden dienten unter anderem dazu, künstliche neuronale Netze so zu füttern, dass sie die fehlenden Teile der „Nachtwache“ rekonstruieren konnten. Sie wurden auf Tafeln gedruckt, die das Originalgemälde nun voraussichtlich bis Mitte September einfassen und vervollständigen. Wie diese fehlenden Teile ausgesehen haben müssen, weiß man von einer zeitgenössischen Kopie, die der Maler Gerrit Lundens vermutlich im Auftrag von Kapitän Frans Banninck Cocq angefertigt hat. Er ist der Mann mit der roten Schärpe im Zentrum des Bildes.

          Wer zahlt, steht im Zentrum?

          Aber wie man jetzt sieht, wenn man vor der Rekonstruktion steht, hatte Rembrandt Kapitän Cocq und den Mann daneben, Leutnant Willem van Ruytenburgh, gar nicht ins Zentrum seiner Komposition gestellt, sondern rechts von der Mitte plaziert. Am linken Rand sind nun drei weitere Figuren zu sehen, der Pulverjunge vorne links hält sich an einem Geländer fest, der Helm des Schützen rechts außen wird nun wieder komplett sichtbar, der Raum über der Fahne erweist sich als höher. Rembrandts ursprüngliche Komposition wirkt damit weniger statisch, sondern weitaus dynamischer als die beschnittene Fassung: eine Aufbruchsituation.

          In etwa drei Monaten, wenn die fehlenden Teile wieder entfernt werden, rücken der Offizier mit der roten Schärpe und sein Begleiter wieder ins Zentrum der Darstellung. Von den 1600 Gulden, die Rembrandt von den Schützen als Honorar erhalten hat, dürften sie die größten Anteile beigesteuert haben.

          Rijksmuseum Amsterdam, bis 3. Oktober.

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