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Reklame-Ausstellung in Leipzig : Glanz aus den Tagen der Blechpest

Ein Reklameschild für den Hustensaft Wybert, 1927 Bild: Esther Hoyer

Vor hundert Jahren waren unsere Städte voller bunter Tafeln: Emaillierte Reklameschilder war der Trend der Zeit. Im Grassimuseum Leipzig wird er wieder lebendig.

          3 Min.

          Xantos, Ulema, Greiling, Juno, Casanova, Manoli, Bulgaria, Salem oder Zirzi – so hießen ehedem in Deutschland weitverbreitete Zigarettenmarken, und diese Benennungen verdankten sich den unterschiedlichsten Inspirationen: von Herstellernamen oder Tabakproduktionsländern über Arabismen und erotische Verheißungen bis hin zu Antikenphantasien. Aber „Problem“ als Markenname? So benannte die Berliner Tabakfabrik Rochmann vor dem Ersten Weltkrieg eine ihrer Zigarettensorten. Der Werbegrafiker Hans Rudi Erdt schuf dazu einen fettgedruckten Schriftzug, als könnte man sich dieses Problem gar nicht groß genug vorstellen, und setzte darüber das Stereotyp eines rauchenden Türkenkopfs mit dünnem Schnauzbart, Fez und leerem Blick, als hätte der Tabak den Mann ins Nirvana versetzt. Problem verraucht? So mag man die Markenbezeichnung erklären.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Werbetafel mit diesem Motiv ist eines von vielen verblüffenden Objekten in einer Ausstellung mit emaillierten Reklameschildern, die im Leipziger Grassimuseum für angewandte Kunst nun endlich zu sehen ist, nachdem sie schon seit vier Monaten, fertig aufgebaut, auf Besucher gewartet hat. Doch am ursprünglichen Eröffnungstermin, dem 26. November, war das Land im Lockdown, und so sind aus fünfeinhalb Monaten Laufzeit nur noch sieben Wochen geworden, die man unbedingt nutzen sollte, wenn man eine ebenso amüsante wie lehrreiche und nachdenklich stimmende Schau sehen will.

          Als Email noch nicht für E-Mail stand

          Amüsement garantiert die Vielzahl der Emailwerbeschilder, die aus der Sammlung des Leipziger Ehepaares Wunderlich stammen, deren Anfänge weit vor die Wendezeit zurückgehen. In der Messe- und Handelsstadt waren solche in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hergestellten Reklametafeln besonders zahlreich vertreten, wie raumhoch vergrößerte historische Fotos in der Ausstellungsarchitektur zeigen, und gleich mehrere Wände nehmen in dichter, thematisch wie farblich kunterbunter Hängung der Schilder diesen früheren Überfluss an Werbebotschaften auf, der in der Zwischenkriegszeit als „Blechpest“ verteufelt wurde. 1919 war eine wissenschaftliche Studie über Werbung im öffentlichen Raum untertitelt als „Beitrag zur Beseitigung und Verhütung der Verunstaltung des deutschen Landes durch die Auswüchse der Außenreklame“. Heute erfreut man sich an Nostalgie und Naivität der gezeigten Tafeln.

          Die Hamburg-Amerika-Linie warb in den dreißiger Jahren für ihre Überfahrten mit diesem Schild. Bilderstrecke
          Emaillierte Klischees : Blechschilder aus der Leipziger Ausstellung „Reklame“

          Lehrreich ist die Ausstellung hinsichtlich der thematischen Schwerpunkte, die zwischen den überbordenden Schilder-Assemblagen geboten werden. So wird eben die Vielfalt der Zigarettenreklamen nebeneinander dokumentiert oder der Siegeszug neuer Techniken wie Kraftfahrzeuge oder Radio samt der dazugehörigen Infrastruktur aus Tankstellen und Elektrowerkstätten. Die einsetzende Automatenkultur ist mit einzelnen frei im Raum stehenden Geräten vertreten, und über die plakative Darstellung beworbener Produkte wie frischer Fisch oder Malzextrakt bekommt man eine Vorstellung vom Beginn der ökologischen Bewegung.

          Natürlich werden auch die psychologischen Tricks von Reklame angesprochen, und abgeschlossen wird die Präsentation von der Darstellung der Arbeit in einer modernen Werbeagentur, in der nicht nur über heutiges Verständnis (und Manipulieren) von Öffentlichkeit informiert wird, sondern auch interaktiv an einer Marketingkampagne für eine eigens zur Ausstellung geschaffene „Grassi-Schokolade“ mitgewirkt werden kann, deren Reklameplakat zuvor schon in die Phalanx historischer Beispiele eingeschmuggelt worden ist.

          Viele Schilder haben heute ein Rassismusproblem

          Nachdenklich schließlich stimmen die Klischeedarstellungen der Werbebotschaften: Ein ganzes Panoptikum des Exotismus ist hier präsent und wird in den Begleittexten sowie dem Katalogbuch mit einer Auswahl der Schilder klug kommentiert, ohne gleich blindlings Rassismus zu unterstellen. Bisweilen hätte man sich in der von Sabine Epple ebenso geist- wie bilderreich kuratierten Schau noch etwas mehr historische Einordnung gewünscht, etwa zum Unterschied der gesellschaftlichen Systeme in Kaiserreich, Republik und Diktatur, der vom bunten Glanz der Werbebotschaften kaschiert zu werden droht. Oder zu assoziativen Mechanismen von Reklamewirkung.

          So mag man im Falle der „Problem“-Zigarette wohl annehmen, dass die Namensgebung den Rauchern suggerieren sollte, ihre Probleme lösten sich beim Genuss in Rauch auf. Doch die Darstellung des schmauchenden Türken auf dem Emailschild wird im Jahr 1912, als sie entstand, auch die damals gängige Rede vom „Kranken Mann vom Bosporus“ für das Osmanische Reich evoziert haben. Und damit nicht nur die Herkunft des verarbeiteten türkischen Tabaks, sondern auch ein Überlegenheitsgefühl des deutschen Rauchers. Was die als schwächlichen Orientalen gezeichnete Reklamefigur hat dekadent werden lassen, sollte für den Bewohner des machtvollen Deutschen Reichs in dessen Selbstwahrnehmung gerade kein Problem sein. So konnte Reklame täuschen – über das Ausmaß an nationaler Kraft und an Selbstbeherrschung des Publikums.

          Reklame – Verführung in Blech läuft im Grassimuseum für angewandte Kunst, Leipzig, bis zum 9. Mai. Der schmale, aber schön gedruckte Katalog, erschienen bei Sandstein, kostet 25 Euro.

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