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Raphaela Vogel : Filme mir die Apokalypse

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Eine Schlafwandlerin, die das Netzwerken nicht lassen kann: Raphaela Vogel taumelt im Kunsthaus Bregenz durch eine bedrohliche Gegenwart.

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          Frauen wissen die große Geste nicht zu schätzen? Schon der Auftakt beweist das Gegenteil. Bronzene Löwenskulpturen baumeln kopfüber in symmetrischer Balance von der Decke der Eingangshalle. Sie haben vor einer Dompteuse kapituliert, die ihnen immerhin einen eleganten Rückzug gewährt: Kolossale Männlichkeit, die in einer akrobatischen Zirkusnummer siegesgewiss verpufft. Aber die an Korkmodelle erinnernden Miniaturwahrzeichen, die Raphaela Vogel in ihrer Soloschau „Bellend bin ich aufgewacht“ unter das Dach des Kunsthauses Bregenz verbannt hat, erwecken trotz der originalgetreuen Details den Eindruck einer bemitleidenswerten Hypertrophie.

          Die im achtzehnten Jahrhundert ihre „Grand Tour“ absolvierenden Bildungsreisenden hätten bei diesen sperrigen Exemplaren wohl kaum zugegriffen. Die damaligen Miniaturspezialisten in Rom wussten genau, was sich ihre Klientel als perfektes Souvenir wünschte: Mochte die Pyramidenruine oder der Poseidontempel noch so berühmt sein, ihr maßstabgetreuer Nachbau musste sich unter den Arm klemmen lassen, es sei denn, der Abnehmer konnte einen ganzen Hof sein Eigen nennen.

          Zarin Katharina II. oder der englische König Georg II. steigerten ihr Prestige mit Sammlungen aus der Werkstatt eines Antonio Chichi. Der Meister der Phelloplastik warnte vor langen Lieferzeiten. Für die Blaublütigen kein Grund zum Kneifen. Auch die Zerbrechlichkeit der Stücke spielte keine Rolle. Je verfallener, desto authentischer. Aber was soll man nun von der Überwältigung halten, die von entgleisenden Zügen der Deutschen Bahn ausgeht? Oder von der Londoner Tower Bridge, die ihre Klappen trotzig hochgefahren hat: Kontinent endlich abgeschnitten?

          Angst vor der Bedeutungslosigkeit des Lebensentwurfs

          Dass direkt hinter dem Pariser Triumphbogen die New Yorker Freiheitsstatue lauert, ist auch kein gutes Omen, zumal keines der stark verwitterten Modelle dieser eigens für das Kunsthaus entwickelten Installation eine verklärende Aura versprüht. Eher die der Verlorenheit von ausrangierten Spielzeugen. Die Frauenkirche, die Siegessäule – sie alle stammen aus dem Nachlass eines Bauern, der sie einem Vergnügungspark abgenommen hat. Wären nicht die verchromten Rohre, die Dresden, Wien und London zu einem Netzwerk verbinden, wäre die Versorgung wohl lahmgelegt. Oder handelt es sich eher um ein perfides Anzapfen der letzten Lebenszeichen? Ein großes Unbehagen schwebt über diesem Europa im Niedergangsmodus. Und der Wille zur Eroberung einer Generation, deren Aufmerksamkeit, durch Youtube und Instagram notorisch überbeansprucht, nur noch mit starken Effekten zu gewinnen ist.

          Der multimediale Albtraum der 1988 in Nürnberg geborenen Wahl-Berlinerin setzt sich fort in dem Film, den ein Beamer aus dem Brüsseler Atomium projiziert: Vogel gibt darin die schwindelfreie Kassandra auf einem Kran, samt Pudel Rollo, der besorgt gegen den Absturz anbellt. Während die unter ihr angebrachte 360-Grad-Kamera die Welt verschlingt, interpretiert sie einen Song von Nina Simone aus dem Musical „Hair“ zu einer Dream-Pop-Ballade um.

          Verträumt ist die Gewinn-Verlust-Rechnung, die sie dabei aufstellt, keineswegs. Der Text kreist um missglückte Beziehungen und geglückte Kompensationen. Jeden Moment droht der Fall in die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebensentwurfs. Was man für die verfrühte Bilanzziehung eines Jungstars mit Sinn für opulente Selbstinszenierung halten könnte, entpuppt sich, leider erst beim Abschlussgang in den Keller, als Hommage an den Kurzfilm „Nr. 1 – Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste“ von Helke Sander.

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