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Privatisierung der Ausstellungspolitik : Die gekaufte Kunstgeschichte

Im Kunstsystem verschieben sich die Gewichte: Was in Museen gezeigt wird, bestimmten früher unabhängige Experten - an ihre Stelle treten Privatsammler und ihre Lieblingskünstler, deren Karrieren völlig steuerbar werden.

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          Am kommenden Mittwoch wird im New Museum in New York eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet. Das Museum wird dem griechisch-zyprischen Industriellen und Sammler Dakis Joannou zur Verfügung gestellt: Er wird hier einen Teil seiner 1500 Werke umfassenden Sammlung zeigen, die auch schon im Pariser Palais de Tokyo und im Auktionshaus Christie's zu sehen war. Die Ausstellung in New York trägt den Titel „Skin Fruit“, der Kurator ist Jeff Koons, der neben anderen Künstlern wie Vanessa Beecroft, Takashi Murakami und Maurizio Cattelan prominent in Joannous Sammlung vertreten ist. Gezeigt werden sollen laut Presseerklärung mehr als hundert Werke von Künstlern, die den menschlichen Körper sowie „Evolution, Sünde und Sexualität“ thematisieren - darunter Arbeiten von Matthew Barney, Nathalie Djurberg, Mike Kelley, Terence Koh und Tino Sehgal sowie ein Werk des Kurators selbst, Koons' „One Ball Total Equilibrium Tank“.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Interessant wird diese Ausstellung weniger wegen des recht opulent gespannten thematischen Bogens sein - sondern weil sie den Konflikt zweier konkurrierender Kunstsysteme so deutlich zutage treten lässt wie selten zuvor. Mit „Skin Fruit“ startet das New Museum das Projekt „The Imaginary Museum“, und hinter diesem bei André Malraux entliehenen Titel verbirgt sich nichts anderes als der Plan, das Museum in regelmäßigen Abständen Privatsammlern und ihren Interessen zu überlassen. Damit wird ein entscheidender Bruch vollzogen. Im Kampf darum, wie Bedeutung hergestellt wird, wie Macht entsteht, Deutungshoheiten behauptet und Eichsysteme für Qualität geprägt werden, haben sich offensichtlich die Gewichte verschoben. Wer hat die Macht im Kunstsystem? Wer entscheidet, was gezeigt wird, was als bedeutend gilt? Bisher war die Antwort auf diese Frage meistens: die staatlichen Ausstellungshallen und Museen, vielleicht noch die Biennalen - und weniger die privaten Sammler. Die meisten von ihnen waren lange allenfalls bemüht, ihre besten Werke in diese Institutionen zu geben und vielleicht einmal einen Raum gewidmet zu bekommen - das Museum of Modern Art verdankt seine Sammlung und Bedeutung jedenfalls solchen Gönnern.

          Steuerbare Karrieren

          Doch seit neuestem gibt es einen neuen, meist schwerreichen Typus von Kunstsammler, der nicht nur Kunst, sondern gleich das gesamte System inklusive seiner Insassen (Kuratoren, Museumsleiter) mitkauft, Museen gründet oder de facto übernimmt, hochdotierte Preise vergibt, die an Künstler gehen, welche dann in ihrer Sammlung auftauchen und in den eigenen Museen gezeigt werden. So wird eine zweite Kunstwelt aufgemacht, in der Karrieren vollkommen steuerbar werden - und es wundert gar nicht, dass in diesem neuen System immer dieselben Namen auftauchen.

          Ein Hauptvertreter des neuen Sammlertypus ist der Luxusprodukthersteller und Milliardär François Pinault, der sich in Venedig mit dem Palazzo Grassi und der Punta della Dogana gleich zwei opulente Privatmuseen leistet, in denen er - wie Dakis Joannou - unter anderen großflächige Arbeiten von Murakami und Koons zeigt. Ein anderer ist der ukrainische Stahloligarch, Medienunternehmer und Milliardär Victor Pinchuk, dem neben der Interpipe Group unter anderem vier Fernsehkanäle und die Zeitung „Fakty i Kommentarii“ gehören. Er hat vor kurzem einen Kunstpreis ausgeschrieben, den mit 100.000 Dollar dotierten Future Generation Art Prize. Dem Gewinner winkt neben dem Geld eine Betreuung durch berühmte Mentoren - nämlich durch die Künstler Andreas Gursky und Damien Hirst sowie: Jeff Koons und Takashi Murakami.

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