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Kunst der DDR : Die Harten im Garten

Sehnsucht nach Ausbruch: „Der Nachbar, der will fliegen“ von Wolfgang Mattheuer von 1984. Bild: Museum of Contemporary Art, Buda

Zwischen Freiheitsdrang und Landschaftstransformation: Im Potsdamer „Minsk“ werfen zwei Ausstellungen über Wolfgang Mattheuer und Stan Douglas unterschiedliche Blicke auf das Leben in der DDR.

          3 Min.

          Durch die Frontscheibe eines Cabriolets fällt der Blick in die Landschaft. Die Felder sind leer, dahinter erheben sich Berge, die wie Canyons aussehen und vom Nebel eingehüllt sind. Die Elemente dieses Bildes von Wolfgang Mattheuer könnten denken lassen, dass es in den Vereinigten Staaten gemalt wurde. Doch der Titel „Straße nach Mylau II“ unterstreicht, dass man hier nicht in Nevada oder Arizona ist, sondern im Vogtlandkreis, im Bezirk Chemnitz.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          In den ersten Ausstellungen des „Minsk“ in Potsdam, des neuen Museums von Hasso Plattner, das der Kunst der DDR und ihren gegenwärtigen Bezügen gewidmet ist, stehen diese Ambivalenzen im Zentrum des Programms. Mit den beiden Eröffnungsschauen „Wolfgang Mattheuer: Der Nachbar, der will fliegen“ und „Stan Douglas: Potsdamer Schrebergärten“ widmet sich das Kunsthaus dem Sujet der Landschaftsmalerei und, ein wenig klischeehaft, dem Schrebergarten als sozialem Ort der DDR.

          Absturz vom Himmel: Mattheuers „Sturz des Ikarus II“ von 1978.
          Absturz vom Himmel: Mattheuers „Sturz des Ikarus II“ von 1978. : Bild: Sammlung Hasso Plattner/VG Bild-

          Der recht konventionelle Ansatz wird aber interessant, weil in den Ausstellungen die Transformation der Landschaft der DDR, die deren Städte, Kohlereviere und Industrie seit der Wende umkrempelt hat, im Mittelpunkt steht. Dementsprechend fiel die Wahl auch auf Mattheuer, der 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren wurde und seit jeher als Mann der Übergänge in der DDR-Kunst gilt. Im Eingangsbereich werden die Besucher zunächst von seinen Landschaftsansichten empfangen, darun­ter das düstere Pleinair „Erlenweiher bei Steinsdorf“ von 1985 oder sein „Gartenbild“ von 1960, ein sommerliches Frühwerk.

          Besonders mysteriös sind seine Nachtbilder und die skurrilen Straßenansichten oder seine surrealen Szenen, wie „Freundlicher Besuch im Braunkohlerevier“ von 1974, das fremdartige Maskenwesen in einem Tagebau, zeigt. Die Bilder sind Weltlandschaften und scheinbar zeitlos, zugleich zeigen sie lokale Phänomene und sind politisch lesbar – vor allem seine Darstellungen des Ikarus. Die mythologische Figur wurde in der DDR und besonders in deren Opposition zum Symbol für den nicht zu bändigenden Freiheitsdrang der Menschen. Der Ikarus verkörpert mal Aufbruch und Abenteuerlust, mal menschliche Hybris und Scheitern. Auch Mattheuers Werke sind von dieser Dialektik geprägt und reflektieren subtil die Widersprüche des real existierenden So­zialismus. „Ich suche das Heutige, das Problematische, das Wesentliche“, sagte er 1973 dazu.

          Der Ikarus fliegt und stürzt

          Das deutet zum Beispiel das namensgebende Hauptwerk „Der Nachbar, der will fliegen“ von 1984 an. Über hölzernen Datschen geht die Sonne unter. Während einige der Kleingärtner sich ins Private zurückgezogen haben und Schach spielen, beobachten andere eine mystische Szenerie: Mit Flügeln ausgestattet, fliegt ein Mensch im Kostüm über die Kleingärtner hinweg dem Horizont entgegen. Was er dort vorfinden wird, ist unklar. Sicher ist nur seine Sehnsucht nach Freiheit, die das Bild 1984, ein Jahr vor Glasnost und Perestroika, ausdrückt. Es ist eng mit der Biographie des Künstlers verwoben. Ein Jahr vor der Wende trat Mattheuer mit einem offenen Brief aus der SED aus, der er 1958 beigetreten war. Akten der Staatssicherheit belegen, dass er seit den Sechzigerjahren systematisch bespitzelt und in der Endphase der DDR sogar als Staatsfeind eingestuft wurde.

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