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Das postmoderne Berlin : Als die DDR träumte

Postmoderne Ost: der Friedrichstadtpalast Bild: Berlinische Galerie

Postmoderne: Das war der Stil, auf den Berlin, Ost wie West, längst gewartet hatte. Die Berlinische Galerie holt jetzt die Architektur der achtziger Jahre ins Museum.

          4 Min.

          Am Silvesterabend des Jahres 1988 standen die Bohemiens des Prenzlauer Bergs auf den Dächern und Balkonen ruinöser Gründerzeitbauten, schauten in den Himmel, wo man manchmal die Lichter jener Flugzeuge sah, die im Westen, in Tegel, landen würden; sie prosteten einander zu und hatten keine Ahnung davon, was das neue Jahr ihnen bringen würde. So hat es die Schriftstellerin Annett Gröschner vor ein paar Jahren in einem Essay für die „Tageszeitung“ beschrieben. Ein paar Tage nach dem Jahreswechsel, so erzählt sie weiter, krachte im Karree ein baufälliger Balkon herunter. Vier Menschen hatten darauf gestanden; einer starb, die drei anderen wurden schwer verletzt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Das war „nichts, was uns überraschen musste“, kommentiert der Text dieses Unglück; und dass das ein Vorzeichen gewesen wäre, für das, was zum Ende des Jahres hin mit dem ganzen Staat passieren würde: Das sieht man allenfalls im Nachhinein.

          Damals, so kommt es einem vor, war der Absturz eher ein Beleg dafür, dass das Leben in diesem Teil der Stadt freier, aber auch gefährlicher war. Die ordentlichen sozialistischen Bürger waren in die modernen Plattenbauten an der Peripherie gezogen; dort gab es Müllschlucker, Bäder und stabile Balkone. Der Prenzlauer Berg war das Gegenteil – nicht unbedingt der Großstadtdschungel, aber doch eine Wildnis, ein Steingebirge, eine Stadtlandschaft, die fünfzig Jahre zuvor modern gewesen war. Jetzt war sie nachmodern, postzivilisiert; fast hatten sich die Mauern zurück in Natur verwandelt.

          Postmoderne West: John Hejduks Wohnanlage in der Charlottenstraße
          Postmoderne West: John Hejduks Wohnanlage in der Charlottenstraße : Bild: Berlinische Galerie

          Ein paar Jahre davor, in den frühen Achtzigern und auf der westlichen Seite der Mauer, spielt Ulrich Peltzers Roman „Das bist du“, der aber auf die Stadt sehr ähnliche Blicke wirft. Einmal bekennt der Erzähler, dass er mit Landschaften nichts anzufangen wisse; er ziehe die Städte bei weitem vor. Aber je länger man dieser Erzählung folgt, desto deutlicher sieht man, dass dieser Erzähler sehr wohl Landschaften durchwandert, eben die Altbauviertel und die Brachen von Wilmersdorf, Charlottenburg und Kreuzberg, Moränen aus vergessenen Zeitaltern, mit Behausungen, die in ihrer Kargheit an Höhlen erinnern. Ins Freie wagt sich der Text am liebsten spätnachts, wenn nicht einmal mehr fahrende Autos darauf verweisen, dass es da draußen womöglich doch so etwas wie die Moderne geben könnte.

          Die Spur des alternativen Milieus

          Die Moderne war längst erledigt, als die ersten Nachrichten von der Erfindung der postmodernen Architektur in Berlin ankamen. Und im Nachhinein ist es schwer zu bestimmen, wer ihr, im Westteil der Stadt, den Rest gegeben hat: War es die durch und durch korrupte Bauindustrie, jener von Subventionen sich nährende politisch-industrielle Komplex, der, zum Beispiel, den „Spiegel“ zu dieser Titelzeile inspirierte: „Ich lerne langsam, dich zu hassen“ (gemeint war Berlin)? Oder war es das immer dominanter werdende alternative Milieu, das in jedem modernen Gebäude nur den Ausdruck maximaler Entfremdung sehen konnte?

          Und im Osten freuten sich die Leute an den Innentoiletten und Zentralheizungen der Plattengroßbauten. Sie trauerten gleichwohl um jene Viertel, die verfielen oder zerstört wurden und an die sich doch die Erinnerungen und die Bilder von Herkunft und Eigenart der Menschen knüpften.

          Die Spreeterrassen sind auch heute noch einer der prominentesten Orte Berlins
          Die Spreeterrassen sind auch heute noch einer der prominentesten Orte Berlins : Bild: Berlinische Galerie

          „Anything Goes?“ heißt die Ausstellung über jene Zeit in der Berlinischen Galerie, deren schönste Entdeckung die ist, dass die Postmoderne im Westen und im Osten Berlins fast gleichzeitig ankam. Und dass sie in beiden Teilen der Stadt sehr ähnliche Funktionen erfüllte. Postmoderne (um kurz daran zu erinnern) war der Versuch einer Befreiung aus dem strengen Kanon der Moderne, die lustvolle Überschreitung des „Form follows function“-Gebots, das im Glücksfall völlig unernste Spiel mit den Versatzstücken der Architekturgeschichte.

          Schon 2013 wurde Ungers wieder abgerissen

          In Berlin lief die postmoderne Architektur aber auf eine Flucht aus der Gegenwart hinaus. „Keiner, der glaubte oder hoffte, eine Zukunft zu haben, ging damals nach Berlin.“ So steht es in „Aufprall“, dem Achtziger-Jahre-Roman von Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland. Und die Architektur war der beste Ausdruck dieser Haltung: So, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Dass es aber anders kommen würde, war nicht abzusehen. So baute man Häuser, die kaum Zukunft hatten. Die Wohnanlage von Oswald Mathias Ungers am Lützowplatz, abgerissen 2013, ist das prominenteste Beispiel im Westen. Die Friedrichstadt-Passagen von Manfred Prassers und Peter Weiß, abgerissen 1991, bevor sie fertig waren, sind der bekannteste Fall im Osten.

          Ausstellungen wie diese zeigen, naturgemäß, vor allem Fotos, Pläne, Zeichnungen; sie sind Aufforderungen, den Katalog zu studieren und die wirklichen Schauplätze möglichst bald zu besichtigen – aber ein Exponat gibt es hier, das den Besucher erst einmal sprachlos macht. Es ist ein Stadtmodell von Berlin-Mitte, Friedrichstadt und südlicher Dorotheenstadt – und kaum hat man sich darin ein wenig umgesehen, möchte man den Kapitalismus und das Sandsteinlego seiner Investorenarchitektur aufs Schärfste verdammen: weil das hier, das Modell von 1987, viel lebendiger aussieht. Bis man, endlich, entdeckt, dass das nicht der Zustand von 1987 ist; es ist der Wunschtraum des Sozialismus, die Vorstellung, wie dieses Viertel aussehen könnte, zwischen Barock und Postmoderne, wenn die DDR über andere Ressourcen verfügt und wenn sie eine Dauer gehabt hätte. Berlin, 1999, in einer kontrafaktischen Vergangenheit.

          Im Mai 1980 waren Prasser und Eckhardt Gißke, der Generalbaudirektor der DDR, nach Paris gefahren, um dort die neuesten Bauten Ricardo Bofills, des Meisters der Postmoderne, zu studieren. Wofür die Mittel der DDR dann reichten, das waren Gebäude wie der Friedrichstadtpalast oder die Randbebauung des Gendarmenmarkts. Es war die Plattenbaupostmoderne – Stahlgerüste, an die jetzt eben nicht mehr rechteckige Betonplatten gehängt wurden, sondern verzierte geschwungene, auf Jugendstil und Art déco verweisende Betonelemente.

          Das sieht heute unperfekt, billig, fast ein bisschen lächerlich aus, mit den Ritzen und Lücken zwischen den Platten. Und folgt doch demselben Prinzip, nach dem die ganze Neuberliner Nachwende-Architektur gebaut ist. Die vorgeblendeten Sandsteinplatten fügen sich jetzt besser ineinander. Nur die Säulchen, Erker und Gesimse sind längst nicht mehr ironisch gemeint.

          Anything Goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre. Berlinische Galerie, Berlin. Bis zum 16. August. Der bei Kerber verlegte Katalog kostet 45 Euro.

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