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Das postmoderne Berlin : Als die DDR träumte

„Anything Goes?“ heißt die Ausstellung über jene Zeit in der Berlinischen Galerie, deren schönste Entdeckung die ist, dass die Postmoderne im Westen und im Osten Berlins fast gleichzeitig ankam. Und dass sie in beiden Teilen der Stadt sehr ähnliche Funktionen erfüllte. Postmoderne (um kurz daran zu erinnern) war der Versuch einer Befreiung aus dem strengen Kanon der Moderne, die lustvolle Überschreitung des „Form follows function“-Gebots, das im Glücksfall völlig unernste Spiel mit den Versatzstücken der Architekturgeschichte.

Schon 2013 wurde Ungers wieder abgerissen

In Berlin lief die postmoderne Architektur aber auf eine Flucht aus der Gegenwart hinaus. „Keiner, der glaubte oder hoffte, eine Zukunft zu haben, ging damals nach Berlin.“ So steht es in „Aufprall“, dem Achtziger-Jahre-Roman von Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland. Und die Architektur war der beste Ausdruck dieser Haltung: So, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Dass es aber anders kommen würde, war nicht abzusehen. So baute man Häuser, die kaum Zukunft hatten. Die Wohnanlage von Oswald Mathias Ungers am Lützowplatz, abgerissen 2013, ist das prominenteste Beispiel im Westen. Die Friedrichstadt-Passagen von Manfred Prassers und Peter Weiß, abgerissen 1991, bevor sie fertig waren, sind der bekannteste Fall im Osten.

Ausstellungen wie diese zeigen, naturgemäß, vor allem Fotos, Pläne, Zeichnungen; sie sind Aufforderungen, den Katalog zu studieren und die wirklichen Schauplätze möglichst bald zu besichtigen – aber ein Exponat gibt es hier, das den Besucher erst einmal sprachlos macht. Es ist ein Stadtmodell von Berlin-Mitte, Friedrichstadt und südlicher Dorotheenstadt – und kaum hat man sich darin ein wenig umgesehen, möchte man den Kapitalismus und das Sandsteinlego seiner Investorenarchitektur aufs Schärfste verdammen: weil das hier, das Modell von 1987, viel lebendiger aussieht. Bis man, endlich, entdeckt, dass das nicht der Zustand von 1987 ist; es ist der Wunschtraum des Sozialismus, die Vorstellung, wie dieses Viertel aussehen könnte, zwischen Barock und Postmoderne, wenn die DDR über andere Ressourcen verfügt und wenn sie eine Dauer gehabt hätte. Berlin, 1999, in einer kontrafaktischen Vergangenheit.

Im Mai 1980 waren Prasser und Eckhardt Gißke, der Generalbaudirektor der DDR, nach Paris gefahren, um dort die neuesten Bauten Ricardo Bofills, des Meisters der Postmoderne, zu studieren. Wofür die Mittel der DDR dann reichten, das waren Gebäude wie der Friedrichstadtpalast oder die Randbebauung des Gendarmenmarkts. Es war die Plattenbaupostmoderne – Stahlgerüste, an die jetzt eben nicht mehr rechteckige Betonplatten gehängt wurden, sondern verzierte geschwungene, auf Jugendstil und Art déco verweisende Betonelemente.

Das sieht heute unperfekt, billig, fast ein bisschen lächerlich aus, mit den Ritzen und Lücken zwischen den Platten. Und folgt doch demselben Prinzip, nach dem die ganze Neuberliner Nachwende-Architektur gebaut ist. Die vorgeblendeten Sandsteinplatten fügen sich jetzt besser ineinander. Nur die Säulchen, Erker und Gesimse sind längst nicht mehr ironisch gemeint.

Anything Goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre. Berlinische Galerie, Berlin. Bis zum 16. August. Der bei Kerber verlegte Katalog kostet 45 Euro.

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