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Fotograf Albrecht Fuchs : Schau mir in die Augen, Künstler

Wenn schon, denn schon: Die Fotografin Taryn Simon in der Pose des Heilands von Leonardo da Vinci, New York, 2007. Bild: Albrecht Fuchs/VG Bildkunst, Bonn 2021

Von Ed Ruscha bis Isa Genzken, Männer liegen auf Sofas, Frauen lehnen sich an Wände: Porträts des Fotografen Albrecht Fuchs im Leopold-Hoesch-Museum in Düren.

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          Womöglich wollte sich Taryn Simon am liebsten gar nicht fotografieren lassen, jedenfalls gab sie Albrecht Fuchs für sein Porträt nur sehr wenig Zeit und ließ ihn in ein Labor kommen, in dem sie mit der Produktion ihrer eigenen Fotografien beschäftigt war. Dort stand sie dann hinter einem großen Tisch, die Hände auf die Platte gestützt, und schaute starr in die Kamera. Es ist keine großartige Selbstinszenierung, wenngleich man unterstellen darf, dass sich Taryn Simon ihres Ausdrucks durchaus bewusst war und die Pose des Heilands von da Vinci nicht unbedingt zufällig eingenommen hat. Ihr Gewand tut ein Übriges. Und dass sie einen ihrer Daumennägel weiß lackiert hatte, untermauert den Wunsch nach Reinheit.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Was zu ihrem Werk passt. Denn Taryn Simon beschäftigt sich mit geheimen Orten, mit der Inszenierung von Macht und sogar, im übertragenen Sinn, mit der Wiederauferstehung von Menschen, nämlich Sträflingen, die fälschlicherweise zum Tode verurteilt waren. Was sie nicht hat ahnen können, war, mit welch sicherem Gespür Albrecht Fuchs das Drumherum komponieren würde, wie er sie einsperrte zwischen Flächen und Linien, wie einer konstruktivistischen Zeichnung entlehnt, ihren Kopf aber vor dem einzigen schwarzen Feld platzierte, was das Leuchten ihrer Haut noch verstärkte. Ihm gelang auf diese Weise nicht weniger als ein modernes Heiligenbild. Das war 2007.

          Das Porträt zählte schon zu Beginn der Erfindung der Fotografie zu den populärsten Gattungen des Mediums, weil mit einem Mal jeder für wenig Geld ein Bild von sich nach Hause tragen konnte und das Konterfei nicht länger Privileg der Bessergestellten war. Zugleich gehörte es zu den kompliziertesten, denn die lange Belichtungszeit machte es anfangs erforderlich, die Menschen buchstäblich in Schraubzwingen zu klemmen, um noch die geringste Bewegung von Kopf oder Körper zu verhindern. Schaut man sich die Porträts von Albrecht Fuchs an, die momentan in großer Zahl drei Säle des Leopold-Hoesch-Museums füllen, könnte man meinen, der Fotograf habe zu ähnlichen Mitteln gegriffen.

          Meinethalben: der Künstler Martin Kippenberger in einem Kölner Bett, 1995
          Meinethalben: der Künstler Martin Kippenberger in einem Kölner Bett, 1995 : Bild: Albrecht Fuchs/VG Bildkunst, Bonn 2021

          Da liegen Männer auf Sofas, lehnen sich Frauen an Wände, wirken Menschen wie mit ihren Sesseln verschraubt. Nichts ist hier aus der Bewegung entstanden und wenig dem Zufall überlassen. Dass es sich bei all diesen Personen um bildende Künstler handelt, hat es für Fuchs nicht unbedingt leicht gemacht. Eigenschaften wie Eitelkeit und Skepsis sowie eine gewisse Vorstellung davon, wie Bilder überhaupt und von ihnen im Besonderen aussehen sollten, sind unter Künstlern noch ein wenig mehr verbreitet als unter anderen Menschen. Auch deshalb bildet das Künstlerporträt von jeher eine eigene Kategorie. Es will den Künstler charakterisieren und dechiffrieren zugleich. Will einem Geheimnis auf den Grund gehen und austarieren, ob sich Verbindungen herstellen lassen zwischen dem Äußeren und dem Werk, fragt, wie Kreativität oder gar Genie sich in Mimik, Gestik und dem Aussehen widerspiegeln.

          Die Künsterlin Isa Genzken in Berlin, 2003.
          Die Künsterlin Isa Genzken in Berlin, 2003. : Bild: Albrecht Fuchs/VG Bildkunst, Bonn 2021

          Albrecht Fuchs fotografiert seit mehr als dreißig Jahren Künstler – teils für sich selbst, teils im Auftrag von Magazinen, Verlagen oder Galerien – und hat sich mit einem Werk, das in die Hunderte geht und sich etwa mit Gerhard Richter und Sigmar Polke, Ed Ruscha und John Baldessari, Jeff Wall und Stephen Shore, Isa Genzken und Marcel Odenbach zu einem Who’s Who der Gegenwartskunst addiert, selbst seinen Platz in der Fotokunst geschaffen. Dabei ist sein Stil oder besser vielleicht: seine Vorgehensweise geprägt vom Verzicht auf Aufwand. Stillzuhalten scheint seine einzige Aufforderung an die Porträtierten. Und genau in die Kamera zu schauen. Am liebsten emotionslos. So entsteht Kontakt, ohne dass daraus Kumpanei würde. Schon der Aufbau der Mittelformat­kamera auf dem Stativ freilich sorgt für Respekt – und verhindert Spontaneität. Im Übrigen verzichtet Fuchs auf Gags, aufwendige Inszenierungen und ebenso auf jegliche Andeutung von Verklärung oder Glamour. Dafür ist ihm die Angelegenheit zu ernst.

          Hebt er in seinen Bildern die Künstler dennoch heraus aus der Gesellschaft, verdeutlicht er über das Individuelle hinaus ihre Sonderexistenz, ihr Außenseitertum – eine gewisse Entrücktheit, wenn man so will? Ja und nein. Denn selbstredend ist es ihm um mehr zu tun als das reine Abbild der Physiognomie. Aber ein psychologisierendes Element ist eher spürbar als greifbar, wenn Al­brecht Fuchs Distanz wahrt, ohne auf Distanz zu gehen. Meist verzichtet er auf das private Umfeld, fast nie bindet er das Werk der Künstler mit ein, aber selbst dort, wo er Personen der Tiefe eines Raums ausliefert, gilt sein größtes Interesse dem Blick. Da meint man jedes Mal ein Moment des Grübelns zu erkennen, der Reflexion, gerade so, als habe sich den Porträtierten ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Aspekten des Lebens und der Welt sowie den Problemen ihrer Darstellung tief in ihre Physiognomie eingegraben. Eine solche Ernsthaftigkeit liegt auf all den Gesichtern, dass vor allem diese Botschaft durch das Werk von Albrecht Fuchs hindurchschimmert: Kunst ist kein Spaß.

          Albrecht Fuchs: Portraits 1989–2021. Leopold-Hoesch-Museum, Düren; bis 21. November. Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung König erschienen und kostet 28 Euro.

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