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Picasso in Berlin : Im Harem ist was los

Die wache neben der schlafenden Frau: Eine phänomenale Ausstellung des Museums Berggruen in Berlin zeigt Picassos Serie „Les Femmes d’Alger“.

          4 Min.

          Wie auf Samtpfoten kommt da eine Sensation, mit aller Vorsicht jetzt endlich für das Publikum geöffnet – und keineswegs nur für die Anhänger der Kunst Pablo Picassos. Auf den drei Etagen des Museums Berggruen im Stüler-Bau gegenüber von Schloss Charlottenburg sind acht Versionen von Picassos später Serie „Les Femmes d’Alger“ zu besichtigen. Verdichtet in den Räumen des Hauses, das der legendäre Händler und Sammler Heinz Berggruen mit einer der bedeutendsten Picasso-Kollektionen überhaupt 1996 begründet hat, wird die Auseinandersetzung des Malers mit dem berühmten großformatigen Gemälde gleichen Titels von Eugène Delacroix, das sich im Louvre in Paris befindet, nachgerade plastisch.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Delacroix malte seine „Femmes d’Alger dans leur appartement“ 1834, nachdem er von seinem Gastgeber dort Zugang zur Intimität des Harems erhalten hatte. Er war fasziniert von den drei orientalisch gekleideten Frauen, die um eine Wasserpfeife versammelt sind, begleitet von einer Dienerin; Delacroix’ Darstellung gilt als Auftakt des Orientalismus in der europäischen Malerei. Picasso hat sich mehr als ein Jahrhundert danach an dieser Szene mit einer Intensität abgearbeitet, die sich in Berlin unmittelbar jedem Betrachter erschließt, auch wenn ihm die eminente Werkgruppe zuvor nicht bekannt gewesen sein sollte. Es ließe sich nennen, Picasso ein Stück weit beim Arbeiten zuschauen können.

          Aneignung und Umformung

          In nur drei Monaten, von November 1954 bis Februar 1955, malte Picasso insgesamt fünfzehn Variationen des Themas, bezeichnet von „A“ bis „O“. Das gesamte Ensemble war zuletzt vor mehr als sechzig Jahren zu sehen; in Deutschland – München, Hamburg und Köln – 1955/56 in der ersten großen Ausstellung „Picasso: 1900–1955“ nach dem Zweiten Weltkrieg. In Berlin ist nun mehr als die Hälfte der verstreuten Bilder zusammengebracht, eine großartige Leistung, zumal unter den Bedingungen der Pandemie. Die Gemälde sind in der ganzen Welt verstreut, in öffentlichem und privatem Besitz. Tatsächlich ist das Museum Berggruen das einzige europäische Museum, das eines der Werke beherbergt, die „Version L“ vom 9. Februar 1955. Sie ist der Nukleus, von dem aus die Kuratoren Gabriel Montua und Anna Wegenschimmel die animierende Schau gestaltet haben.

          Als aktuelle Auslöser für Picassos Beschäftigung mit dem Delacroix-Thema – das er allerdings schon viel früher, 1940 in einem Skizzenbuch, in der Ausstellung in einer Vitrine aufgeschlagen, festhielt – können drei Ereignisse gelten. Am 3. November 1954 war Henri Matisse gestorben, Picassos Künstlerfreund und Rivale, den er als einzigen neben sich gelten ließ. Picassos bekannter Satz, Matisse, dieser Zauberer der Farben und Formen, habe ihm seine Odalisken, eben diese farbenprächtigen, orientalisch gekleideten Frauenbildnisse, als Vermächtnis hinterlassen, gewinnt in „Die Frauen von Algier“ Gestalt. Außerdem hatte Picasso, inzwischen 73 Jahre alt, mit der 45 Jahre jüngeren Jacqueline Roque eine neue Frau an seiner Seite. Endlich war der 1. November 1954 der Beginn des algerischen Unabhängigkeitskriegs, was ihn zusätzlich beschäftigt haben mag.

          Farben und Motive von Matisse

          Was also macht Picasso nun, ganz in seinem lebenslangen Element der ständigen Aneignung und Umformung? Er hält sich nur ansatzweise an die eigentliche Vorlage, er baut die ganze Chose um – gemäß seiner eigenen Ambitionen. Die Phalanx seiner lebenslangen Erkundungen entfaltet sich, exerziert an den Körpern von Frauen – wie er es am liebsten tat – und bildet einen Höhepunkt in seinem Alterswerk: angriffslustig und unablässig im Formalen ringend, völlig frei dabei.

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