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Picasso im Zweiten Weltkrieg : Schiffe versenken im Atelier

Picasso erlebte den Zweiten Weltkrieg in Paris. Das muss seine Kunst beeinflusst haben. Doch dieser Einfluss ist nicht so leicht nachzuweisen, wie eine Düsseldorfer Ausstellung meint.

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          Alfred Barr, der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, veröffentlichte im Januar 1945 im Mitteilungsblatt seines Hauses einen Artikel über Picasso in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Eine Abbildung zeigt ein „Stillleben mit Schafsschädel“. Die Bildunterschrift gibt an, dass Picasso dieses Gemälde am 10. Juli 1939 schuf, weniger als zwei Monate vor der französischen Kriegserklärung an Deutschland, und dass er seitdem eine Reihe von Schädeln gemalt oder geformt habe, menschliche wie tierische. Man darf ergänzen: mehr Schädel als zuvor beziehungsweise noch mehr Schädel.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In dieser Form einer über den Daumen gepeilten Statistik hat Barrs Befund heute noch Bestand. Ja, er beschreibt so etwas wie die Grenze des gesicherten Erkenntnisstandes, was den Einfluss des Zweiten Weltkriegs auf Picassos Schaffen betrifft. Picasso wählte häufiger das ebenso universelle wie einfache Sujet des Totenschädels – so viel kann man sagen. Und kleinformatige Alltagsprodukte wie das von Barr abgebildete Stillleben kann man als Ausdruck einer Kriegsahnung sehen, ohne divinatorische Fähigkeiten für den Künstler in Anspruch zu nehmen, da im Juli 1939 jeder Zeitungsleser auf den Kriegsausbruch gefasst sein musste.

          So hat die Düsseldorfer Ausstellung über Picasso zwischen 1939 und 1945, die im Februar in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eröffnet wurde und seit dem 5. Mai wieder für das Publikum zugänglich ist, eine erkleckliche Anzahl von Kopftrophäen zusammengetragen: einen blutroten Schafsschädel, den Picasso am 4. Oktober 1939 in Royan an der Atlantikküste malte; dasselbe Motiv in dreifacher, dreizehn Tage späterer Ausführung; das vom 5. April 1942 datierende nachtschwarze „Stillleben mit Stierschädel“ aus dem Düsseldorfer Bestand; einen bronzenen Totenkopf von 1943; mehrere durch Zerreißen und Durchlöchern in Totenkopfform gebrachte Papierservietten; eines der acht Stillleben mit Schädel und Lauch aus dem März 1945; und ein Blatt mit Schädelstudien aus dem gleichen Monat. Im Musée de Grenoble, das die Ausstellung konzipierte, war außerdem ein „Stillleben mit Krug und Totenkopf“ aus dem August 1943 zu sehen.

          Ein Auftrag für künftige Historiker

          Die Welt als Schädelstätte? Schon mit dieser Zusammenfassung des Wiederkehrenden träte man vom Boden des Wissens hinüber in die Sphäre einer Interpretation, die zwangsläufig spekulativ bleibt – so spekulativ, dass man am Sinn des Unternehmens zweifeln muss, einen von Kalenderjahren begrenzten Ausschnitt aus Picassos Werk auszustellen, selbst wenn die Jahre weltgeschichtliche Zäsuren markieren. Lässt sich eine Wirkung des Krieges auf Picassos Kunst feststellen, wenn man über das Abzählen von Bildgegenständen hinausgeht?

          Picasso selbst hat sich zu dieser Frage geäußert, nach Künstlerart, im Gestus eines fingierten Mitspielens, das sich kaum die Mühe macht, die Verweigerung zu tarnen. Einem Reporter des „San Francisco Chronicle“, der ihn Ende August 1944 aufsuchte, nur Tage nach der Befreiung von Paris, sagte Picasso: „Ich habe den Krieg nicht gemalt, weil ich nicht so ein Maler bin, der wie ein Fotograf vor die Tür geht, um etwas zum Abbilden zu suchen. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass der Krieg in diesen Bildern ist. Später werden die Historiker sie vielleicht finden und zeigen, dass mein Stil sich unter dem Einfluss des Krieges verändert hat. Ich selbst weiß es nicht.“ Dieses Zitat präsentiert die Ausstellung wie ein Hauptwerk, als hätte Picasso ernsthaft einen Arbeitsauftrag für Historiker formuliert, den die Kuratoren jetzt erfüllen könnten.

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