https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/phantasiereise-mit-william-turner-an-den-rhein-17152599.html

Fluchten in die Phantasie : Sacht stromabwärts treiben

Die Zollburg liegt im Fluss wie ein steinernes Schiff: „Die Pfalz bei Kaub“, wie William Turner sie 1817 malte. Bild: akg-images

Augusttage im romantischsten aller Täler: Eine imaginäre Reise an den Rhein und ins Jahr 1817 mit dem Maler William Turner.

          4 Min.

          Knurrend steht das Biest vor ihm, fletscht die Zähne, duckt sich, wie bereit zum Sprung. Wohl hungrig und so wenig leutselig wie ich, denkt der Maler, denn er hat schon üblere Promenadenmischungen in London gesehen, kratzt sich die Bartstoppeln und zieht das Skizzenbuch aus dem speckigen Mantel. Ein paar Striche, schon hat er den gescheckten Köter zweifach vor Augen. Der sitzt nun abwartend da, irritiert von der wüsten Erscheinung, die mit Bleistift auf Papier herumschabt, statt nach ihm zu treten. Dann ein Pfiff, beide heben den Kopf: „Blücher!“ Der Hund springt fort, William Turner hustet mehr, als dass er lacht, und schreibt den Namen des Porträtierten neben dessen Konterfei. Diese Rheinländer. Da schafft ihnen ein tolldreister Methusalem von Preußen-General – mit Hilfe der Engländer, bitte sehr! – die Franzosen vom Hals, und am Ort seines legendären Rheinübergangs macht die Erinnerung daran als Vierbeiner Männchen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Brütend heiß ist es in Kaub an diesem Augusttag im Jahr 1817, Turners Finger haben einen feuchten Fleck ins Papier gedrückt. Ob die peruanische Rinde, die er mit sich führt, gegen das drohende Wechselfieber hilft? So gefährlich wie in den Sümpfen jenseits der Alpen wird es wohl nicht sein. Eigentlich hatte Turner nach Italien reisen wollen, jetzt, da sich der Rauch der Napoleonischen Kriege verzogen hat und Briten der zuvor abgeriegelte Kontinent wieder offen steht. Aber für eine Grand Tour fehlt die Zeit. Drucker sitzen ihm im Nacken wegen Vorlagen für grafische Illustrationen, dann noch die Vorlesungen an der Akademie, wo man schon die Augenbrauen hob, weil er in diesem Jahr nur ein Gemälde, den „Untergang des Karthagischen Reiches“, eingereicht hat. Also an den Rhein, auch gut, sein Freund Walter Fawkes hat ihm dazu geraten. Wie Lord Byron vor ihm hat Turner auf der Ochsentour mit der Postkutsche hierher das Schlachtfeld von Waterloo besucht. Ein wenig erhabener Anblick, den die Imagination mit einem Gewühl von Menschen nach dem Gemetzel füllen soll. Eine Skizze, die er vor Ort anfertigte, zeigt nur ein paar fast horizontale Linien mit Andeutung von Vegetation, dazwischen tote Leere, Zehntausenden von verlorenen Seelen angemessen.

          Jeder Knochen schmerzt

          Am Rhein dagegen ist Leben, und auch Turner fühlt sich lebendig: Jeder Knochen schmerzt. Von Köln rheinaufwärts ist er losgewandert, immer in strammen Tagesmärschen von an die 25 Meilen, mal auf dem rechten, mal dem linken Ufer, steile Anhöhen hinauf und wieder hinunter, durch Weinberge, Krüppeleichenwälder, Geröll. Am liebsten bleibt er nah am Wasser, seinem Lieblingselement.

          In Bonn schaut er Schiffern beim Be- und Entladen zu und wundert sich über den seltsamen Aufzug der Studenten auf dem Markt. In Koblenz lässt er schon alles Städtische links liegen, um das wechselnde Abendlicht auf der zerschossenen Festung rechtsrheinisch aufzusaugen. Dieses leuchtende Gelb! Wie für ihn geschaffen. Auf den Leinpfaden überholt er fluchende Treidelknechte, die mit Pferde- oder Ochsengespannen quälend langsam Kähne gegen den Strom ziehen, während Segelschiffe und Floße von erstaunlicher Größe scheinbar mühelos flussabwärts treiben. Fuhrwerke holpern auf der Uferstraße vorbei, Reiter, Fußvolk und Vieh passieren. Turner skizziert es mit einer gewissen Nostalgie: „very romantic“. Anderswo pflügen schon Dampfschiffe den Transport auf dem Wasser um. Das erste auf dem Rhein, wie Turner von Margate kommend, hat es im Jahr zuvor zwar nur bis Köln geschafft, doch besteht kein Zweifel: Eine neue Zeit bricht an. Dass bald eine Eisenbahn fahren könnte, wo er mit Blasen an den Füßen entlangschnauft, kommt ihm noch nicht in den Sinn.

          Weitere Themen

          Berufen zur Literatur

          25 Jahre Textwerkstatt : Berufen zur Literatur

          „Auf der Hand liegende Notwendigkeit für diese Stadt“: Mit einer Festveranstaltung im Darmstädter Literaturhaus feiert Kurt Drawerts Textwerkstatt ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag.

          Topmeldungen

          Elon Musk verlässt das Gerichtsgebäude in San Francisco.

          Umstrittene Tweets : Elon Musk triumphiert vor Gericht

          Im Prozess um Twitter-Einträge zu einem angeblichen Börsenrückzug von Tesla stellen sich die Geschworenen auf die Seite des Multimilliardärs. Und brauchten für diese Entscheidung nur wenige Stunden.
          Der Commerzbank-Tower in Frankfurt am Main.

          Index-Rückkehr : Die Commerzbank kommt für Linde in den Dax

          Mit einer Hauruck-Aktion erfüllt die Commerzbank auf den letzten Drücker noch die Dax-Kriterien. Sofern nichts Außergewöhnliches mehr dazwischenkommt, nähert sich für die Bank eine schmerzhafte Zeit dem Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.