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„Peace“-Ausstellung der Schirn : Wie geht Frieden eigentlich?

  • -Aktualisiert am

Auf der Website der Schirn wird schon länger über Frieden debattiert: Dort fordert man ein Abkommen mit den Pflanzen. Jetzt darf endlich die Kunst sprechen.

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          Im Grunde begann diese Ausstellung lange vor der Ausstellung, nämlich im Frühjahr, als die Frankfurter Schirn Kunsthalle einen internationalen Wettbewerb für ein neues Friedenszeichen ausrief. Wenn die tektonischen Platten der internationalen Diplomatie ins Gleiten geraten, wenn Bilder aus dem Syrien-Krieg mit Inszenierungen individuellen Glücks und Geschmackssinns um Aufmerksamkeit streiten, dann, so ist die Initiative zu verstehen – falls man sie denn ernst nimmt –, muss das Engagement für eine bessere Welt vielleicht in den Bereich des Marketing verlegt werden. Das für den ersten Londoner Ostermarsch 1958 vom Künstler Gerald Holtom gestaltete CND-Symbol und die 1949 von Picasso aufgegriffene Friedenstaube tun es wohl nicht mehr.

          Zum Sieger kürte die Jury stattdessen einen blauen Punkt. Den hatten unabhängig voneinander Bekata Ozdekimen aus der Türkei und Paul Müller aus Deutschland eingesandt. Ob das kantenlose Signet Momentum gewinnen kann, ist zu bezweifeln, doch demonstrierte die Schirn wieder einmal beispielhaft, wie man in Zeiten medial gestreuter Aufmerksamkeit ein Ereignis schafft: indem das Format der Ausstellung, in dem Exponate miteinander um formale Stärke, Präzision und sinnlichen Eindruck wetteifern, auf einen Anlass zur Versammlung reduziert wird, auf einen Knotenpunkt in einem Kontinuum aus Online-Kampagne, Eröffnung und Begleitprogramm. Das Museum als Marke und (moralische) Medienanstalt. Statt eines Kataloges wurde eine Website eingerichtet, auf der eine weiße Katze und ein weißes Meerschweinchen mit der Frage grüßen: „Wie geht Frieden eigentlich?“

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          Ja, wie geht Frieden eigentlich? „Frieden beginnt bei innerem Frieden“, oder „Denke einmal am Tag an Frieden“, so schaltet sich das Publikum auf Einladung auf die Website und aushängende Bildschirme ein. Der Fehler liegt natürlich in der unbestimmten Fragestellung. Der angekündigte „Diskurs“ auf der Website erschöpft sich dann auch in der Forderung nach einem „Friedensabkommen mit den Pflanzen“.

          Jetzt darf in der Schirn die Kunst sprechen. In einem an eine Kinderspielecke erinnernden Raum graben Gäste nach sechs Goldketten, die Surasi Kusolwong zwischen Bergen bunter Wollfäden versteckt hat. Schatzsuchen haben in der Gegenwartskunst Konjunktur.

          Der Taiwanese Lee Mingwei, der derzeit auf der Venedig-Biennale als Trauerarbeit für bei den Anschlägen vom 11.September verlorene Freunde bunte Fäden in Kleider von Besuchern näht, lädt in würdevollen Holzkabinen ein, Botschaften an Leute zu verfassen, denen man schon lange etwas mitteilen wollte. Wer auf einer Bank Platz nimmt, bekommt aus zwei Lautsprechern David Foster Wallaces Vortrag „Das hier ist Wasser“ vorgelesen und darf über Einsamkeit und Empathie nachdenken. Katja Novitskova hat ein heiter-apokalyptisches Szenario aus High-Tech-Babyschaukeln eingerichtet, in denen motorisierte Käfer rattern. Auf eine große Alu-Dibond-Scheibe ist der Mars gedruckt. Auch Novitskova versteht den Ausstellungsraum als Knotenpunkt einer größeren Zirkulation aus Bildern. Ihre Skulpturen sind verschlagene, nur halb anwesende Doppelagenten. Raffiniertes Endprodukt sind letztlich die Ausstellungansichten, die sie selbst anfertigt, und auf denen die flachen Aufsteller dreidimensional erscheinen.

          Auch bei Timur Si-Qin hat die viskose, an kommerziellen Oberflächen orientierte Post-Internet-Art ihren Auftritt: Der Berliner richtet schon seit Jahren Dioramen mit hyperrealistischen Landschaften ein, die mit der erfundenen Entität „New Peace“ gebrandet sind. So gerät die Ausstellung fast zur Generationsschau: Sie zeigt, was junge Künstler umtreibt.

          Sollte das Kuratieren in naher Zukunft an Algorithmen abgetreten werden, könnten sie in Sachen Benutzerfreundlichkeit einiges lernen: Es gibt Video, Skulptur (keine Malerei), etwas zum Besinnen, etwas zum Mitmachen, Video und Installation wechseln sich ab, das Auge kann mal schweifen, mal fokussieren. Es gibt auch buchstäbliche politische Kunst von Ulay und Minerva Cuevas. Während die Kinder vorne in der Wolle wühlen, können die Erwachsenen hinten zwischen Palmen in kargem Lounge-Mobiliar bei dialogischen Performances von Isabel Lewis entspannen. So erfindet die Schirn die politische Ausstellung als unverbindliches Wohfühl-Ereignis neu, liberal bis zum Gehtnichtmehr: Jedes Element ließe sich durch ein anderes ersetzen, ohne dass der Hashtag „Peace“ verändert werden müsste.

          Doch dann gibt es noch einen Beitrag, der die Beliebigkeit unterläuft, weil er sich eigensinnig in sie hinein rammt, oder besser: lakonisch hineinfallen lässt. Es handelt sich um Michel Houellebecqs Andachtsraum für seinen verstorbenen Corgi Clément (2000 bis 2011). Zwischen ollen Holzwänden und Karoteppich, Houellebecqs Wohnung in Irland nachempfunden, sind Dutzende Kuscheltiere und Clément-Devotionalien mit Namensschildchen in Vitrinen sortiert, darunter eine Fotografie Cléments von Künstlerfreundin Rosemarie Trockel. Und zu einer amateurhaft anmutenden Slide-Show raunt Iggy Pop zur Gitarre die Clément gewidmete Passage aus „Rester Vivant“. Das ist so entwaffnend privat, spröde und unkunstig, dass der Widersinn entsteht, der von guter Kunst zu erwarten ist. Der Beitrag stammt nicht umsonst von jemandem, der wohl als letztes ein Friedensabkommen unterzeichnen würde – weil er um die zivilisierende Kraft der Unversöhnlichkeit weiß.

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