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Paul Klees Tiere : Das Urchs als besserer Mensch

Den Katzen gehörte seine Sympathie: Paul Klees Katze Nuggi. Bild: Zentrum Paul Klee, Bern

Seit seiner Kindheit malte Paul Klee Tiere. Die Internationalen Tage Ingelheim zeigen seine zoologischen Gärten der Phantasie mit einem liebenswürdig tollpatschigen Mischwesen.

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          Spätestens seit den antiken Dichtern Aesop und Ovid sind Künstler auf der Suche nach dem Tier in uns. Auch bei Paul Klee denken viele zuerst an dessen einsam vor sich hin schwimmenden „Goldfisch“, von dem sich die anderen Fische demonstrativ abwenden, ein Bild, das zur allegorischen Deutung menschlicher Lebenssituationen geradezu auffordert. Tatsächlich gibt es außer Franz Marc kaum einen deutschen Künstler, bei dem Tiere derart im Zentrum des Œuvres stehen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Aus mindestens drei Gründen fesselte die Tierwelt Klee zeitlebens: Sie war ihm Gegenwelt zur realen Existenz, kreatürlich und ehrlich, obwohl er selbst – zweitens – immer wieder scheinbar inkonsequent Vermenschlichungen von Tieren und Vertierungen von Menschen vornahm. Schließlich bot sie Klee in ihrer Vielfalt eine Quelle künstlerischer Anregungen, wie schon Darwin in „On Beauty“ zur überbordenden Schönheit im Tierreich, jener Schrift, die das sehr viel bekanntere Buch „On the Origin of Species“ von 1859 erst umfassend erklärt.

          In insgesamt sechs Themensälen von „Tiergarten“ über „Mischwesen“ bis „Fische und Vögel“ mit 130 „animalischen“ Arbeiten, überwiegend aus dem Zentrum Paul Klee in Bern geliehen, kommt der Betrachter nun im Kunstforum Ingelheim dem verrätselten Künstler Klee so nahe wie in wenigen anderen Motiven aus dessen Werk.

          Natur, Tier- und Menschenwelt sind keine getrennten Entitäten

          Von der präzisen Charakterisierung des „Greisen Dromedars“ im ersten Saal, 1914 auf der Tunis-Reise mit August Macke entstanden, als völlig ermattet bis zu dem wie ein dekorativer Orientteppich an den Rändern ausgefransten Jute-Bild „Schönes Nest“ von 1940, gleichzeitig einem seiner letzten Bilder überhaupt, zeigt sich eines sehr deutlich: Natur, Tier- und Menschenwelt sind für Klee keine getrennten Entitäten. Vielmehr spiegelt er beides stets ineinander, stellt damit natürlich auch den Stand der Zivilisation immer wieder, meist humorig, in Frage.

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          Bereits im Jahr 1903 beschrieb Klee in seinem italienischen Reisetagebuch die dortige Kunst gleichsam darwinistisch und noch unter dem Einfluss des Jugendstils als Baumstamm, in dessen „äussersten Blättchen Analogien zur totalen Gesetzgebung sich mit Präzision wiederholen“. In seinen Jahren als Lehrer am Bauhaus unterrichtet er immer anhand von Beispielen aus der Natur, die eine kosmische Verwobenheit des Säugetiers Mensch in seine Umgebung belegen sollten; er legt ein umfangreiches Herbarium und eine ebenso große Sammlung an Naturalia wie Schneckengehäusen und Kristallen an und sucht beispielsweise in den perfekten Spiralformen der Nautilusmuscheln nach Grundformeln der Welt und ihrer perfekten Konstruktionsprinzipien.

          Im Ersten Weltkrieg ist der Künstler bei einer Fliegerabteilung in Schleißheim bei München eingesetzt, was im Saal „Fische und Vögel“ an zwei eindrucksvollen Zeichnungen nachzuvollziehen ist, die reihenweise vom Himmel fallende vogelartige Ikarusse zeigen – Klee war dazu abgestellt, Flugzeugabstürze zeichnerisch penibel zu dokumentieren, um den Ursachen auf die Spur zu kommen. Dass ihn das Thema Tier und Mensch zeitlebens beschäftigte, erweist sich noch im letzten Jahr vor seinem Tod 1940: Obwohl gesundheitlich schon stark angeschlagen, entstanden 1939 nicht weniger als 1253 Werke, ein Großteil davon besiedelt von Tieren und Mischwesen, gerade wenn man die vielen ebenfalls geflügelten und hybriden Engel als Sympathieträger seiner letzten Monate hinzuzählt.

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