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Musée d’Orsay restituiert Klimt : Frankreich gibt enteignetes Klimt-Gemälde zurück

„Ununmgängliche Entscheidung“: Die französische Kulturministerin Roselyne Bachelot neben dem zu restituierenden Gemälde „Rosen unter Bäumen“ von Gustav Klimt. Bild: Reuters

Die Besitzerin musste das Gemälde „Rosen unter Bäumen“ verkaufen und wurde im Holocaust ermordet. Jahrzehnte später kaufte es das Musée d’Orsay. Nun will der französische Staat es zurückerstatten.

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          „Diese Entscheidung ist notwendig, unumgänglich“, sagt die französische Kulturministerin Roselyne Bachelot. Das Musée d'Orsay soll das einzige Gemälde von Gustav Klimt im Besitz der Republik Frankreich, das 1905 entstandene Ölbild „Rosen unter Bäumen“, zurückgeben an seine rechtmäßigen Eigentümer: die Erben der im Holocaust ermordeten jüdischen Österreicherin Nora Stiasny. Da das Werk bisher zu den unveräußerlichen Kulturgütern des Landes zählte, hat Bachelot für diese Restitution eine Gesetzesänderung angekündigt.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Musée d'Orsay hat das fast pointillistisch anmutende Landschaftsbild Klimts, das Apfelbäume über Rosenblüten zeigt, 1980 in der Zürcher Galerie des Kunsthändlers Peter Nathan erworben. Der dunkle Fleck in der Provenienz des Werks soll damals nichts bekannt gewesen sein. Inzwischen ist die Geschichte der Herkunft erforscht.

          Verhängnisvolle Verwechslung?

          1938 musste Nora Stiasny das Gemälde, das sie von ihrem Onkel und dessen Frau, den Klimt-Sammlern Viktor und Paula Zuckerkandl, geerbt hatte, unter Zwang verkaufen. Erworben wurde es von Philipp Häusler, den Nora Stiasny als Schülerin an der Kunstgewerbeschule kennengelernt hatte. Häusler unterrichtete dort. Später wurde er kurzzeitig Leiter der Wiener Werkstätte – und NS-Funktionär. Für nur vierhundert Reichsmark (weniger als ein Zehntel dessen, was das Bild damals wert war), kauft er „Rosen unter Bäumen“, nachdem er andere potentielle Käufer abgeschreckt hatte. So trug er seinen Teil dazu bei, dass Nora Stiasny nicht genug Geld hatte, um sich außer Landes in Sicherheit zu bringen. 1942 wurde sie deportiert und ermordet.

          Häusler wiederum verschleierte den Besitz des Bildes, indem er es als „Skizze“ Klimts ausgab, das überdies sein Schwager gekauft habe, und nahm es mit nach Frankfurt. Dort starb er 1966 und vererbte es einer ehemaligen Freundin. Schließlich gelangte es über den Kunsthandel in das Pariser Museum. 

          Dass die Nachfahren von Nora Stiasny Ende 2019 einen Antrag auf Rückgabe stellten, dem nun stattgegeben werden soll, steht in Zusammenhang mit einer anderen Restitution. Diese muss mit Blick auf die Entscheidung in Paris wohl als fehlgeleitet gedeutet werden. Bereits 2001 hatte Österreich ein ähnliches Bild Klimts, das Gemälde „Apfelbaum II“ aus der Galerie Belvedere in Wien, an die Stiasny-Erben restituiert – mutmaßlich zu Unrecht.

          2015 melden sich Nachfahren von Elisabeth Bachofen-Echt, geborene Lederer, die während der NS-Diktatur Werke aus ihrer Kunstsammlung zwangsweise an ihren geschiedenen Ehemann überschreiben musste. „Apfelbaum II“ soll sich tatsächlich in ihrem Besitz befunden haben, nicht in dem Nora Stiasnys. Ein neues Provenienzdossier wurde vom Belvedere in Auftrag gegeben, doch das Bild war längst in andere Hände gelangt: Die Erben Stiasny hatten das von Auktionshäusern auf zehn Millionen Euro taxierte Bild verkauft und den Erlös unter sich aufgeteilt. Angeblich soll es sich jetzt in Schweden oder in den Vereinigten Staaten befinden. Damit, dass „Rosen unter Bäumen“ nun eindeutig Nora Stiasnys Sammlung zugewiesen ist, scheint klar zu sein, was bisher vermutet wurde: Dass die beiden Bilder verwechselt wurden.

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