https://www.faz.net/-gqz-8j66o

Ottheinrich-Bibel in Neuburg : Wer hat Angst vor Rot, Gold und Blau?

Auf dem Pergamentblatt mit dem zehnten Kapitel des Markusevangeliums fand Ludwigs Buchmaler die Anweisung vor, dass er die „discipuli indignati“ darzustellen hatte, die gekränkten Jünger. Sie bilden einen Block auf der linken Seite des Bildes. Jesus schließt die Gruppe ab, wendet den Aposteln aber den Rücken zu, indem er schützend einen Säugling in die Arme schließt: geradezu eine bärtige Madonna. Die lateinischen Marginalien in winziger Schreibschrift wurden nach Ausführung der Instruktionen nicht übermalt oder ausradiert. Zwei wohl in Regensburg tätige Maler gestalteten die zu Lebzeiten Herzog Ludwigs fertiggestellten Partien. Der erste bebilderte das Matthäusevangelium, sein Nachfolger hauptsächlich Markus. Nach dem sechzigsten der 307 Blätter wurden die Arbeiten aus unbekanntem Grund eingestellt.

Ottheinrich beauftragte 1530 den Maler Mathis Gerung aus Lauingen mit der Vollendung des Werks. Gerung, der 117 Miniaturen ablieferte, konnte sich an die hundert Jahre vorher niedergelegten Anweisungen des ersten Auftraggebers halten: Die Kunst ist lang. Bisweilen unterblieb die Umsetzung der einen oder anderen Vorgabe des unbekannten gelehrten Vorerzählers; vielleicht war das Latein der Maler nicht gut genug, die sich im Zweifel vom mittelbaierischen Bibeltext direkt inspirieren ließen.

Licht vom Licht

Der Leser beziehungsweise Betrachter der Handschrift erhält außerhalb des Bibeltextes keine Informationen über die Bilder. Sie haben keine Unter- oder Überschriften; am Seitenkopf fehlen zudem die Rubrikentitel, die in vielen Bibeln als durchlaufendes Inhaltsverzeichnis fungieren. Die Bilder stehen nicht am Anfang der Kapitel, sondern bilden einen blattbreiten Riegel mitten im zweispaltigen Text. Man kann sie nicht überspringen, denn der Text der linken Spalte läuft nicht unter dem Bild weiter, sondern rechts. In den Worten von Jeffrey Hamburger bewirkt die Unterbrechung „einen Wechsel vom Lesen zum Schauen“, vom Nachvollzug der Erzählung zur Kontemplation der Heilsgeschichte. Umfang und Gewicht des Bandes mit den 53 Zentimeter hohen und 37 Zentimeter breiten Blättern förderten die Versenkung, die Übung eines intimen Umgangs: Man konnte dieses Buch nur im Stehen lesen.

Die Bilder springen aus dem Text heraus und fügen sich gleichzeitig in ihn ein, indem sich ihre Gliederung an seiner Aufteilung orientiert. Der Jesus der Verklärung passt in den Leerraum zwischen den Schriftblöcken, in deren Mitte er, wie Hamburger emphatisch schreibt, zu schweben scheint. Dieses Gottesschaubild des sogenannten Matthäusmalers ist ein Werk der kühnen Raumdisposition, geradezu der Farbfeldmalerei. Die drei am Fuß des Bergs verhüllt verharrenden Jünger gleichen Blöcken, aus denen die Leitfiguren der gläubigen Jesusnachfolge noch herausgeschlagen werden müssen. Matthäus berichtet: „Sy huben auf ihre augen: sy sachen nyemant denn allain iesum.“ Der Leser kommt ihnen zuvor: Da die Jünger in der Berglandschaft aufgehen, sieht er niemanden außer Jesus.

Hamburger macht auf ein hyperrealistisches Detail der Vision aufmerksam: Unter dem linken Arm hält Jesus ein rot eingebundenes Buch, zwischen dessen Seiten zwei Lesezeichen stecken, die Schatten werfen. Licht vom Licht malten diese anonymen Künstler, die sich ihrer Fertigkeiten so sicher waren, dass sie sich den Fürsten des Himmels beim Lesen und Wiederlesen seiner eigenen Geschichte vorstellen konnten.

Kunst & Glaube. Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg. Schloss Neuburg, bis 7. August. Der bei Schnell & Steiner verlegte Katalog kostet an der Schlosskasse broschiert 26 Euro, im Buchhandel gebunden 34,95 Euro.

Weitere Themen

„Solos“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Solos“

„Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

Im dunklen Dickicht

Spielplanänderung – Folge 7 : Im dunklen Dickicht

„Der Stärkere“ zeigt das zerstörerische Vermögen der Liebe: In der zweiten Folge der Video-Theaterserie geht es um die seelischen Abgründe in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Topmeldungen

„Deutschland spricht“ : Wo sich ein Grüner und ein AfDler einig sind

Robert Gödel ist AfD-Mitglied, Yannick Werner bei den Grünen. Beide wollen bei der Aktion „Deutschland spricht“ dem politischen Gegner den Schrecken vor der eigenen Position nehmen – und entdecken dabei einige Gemeinsamkeiten.
Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.