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Ottheinrich-Bibel in Neuburg : Wer hat Angst vor Rot, Gold und Blau?

Bild für Bild als gute Historie

Auf dem Triumphbogen oberhalb des Kreuzes steht eine zweite Inschrift in viel größeren Buchstaben: „OTHAINRICH PFALZGRAF“. Er ist der neue Moses, der den Altar aufgerichtet hat. Auf der Empore ist über der Tür, durch die der Pfalzgraf eintrat, die Berufung des Moses vor dem brennenden Dornbusch dargestellt. Die Übernahme der Bildzeilen aus den „Biblischen Historien“ stellte die Hierarchie der Bildgegenstände sicher. Nicht die Einzelheiten der Naturansichten oder höfischen Genrebilder sind die Hauptsache. Solange die weltlichen Dinge im Dienst einer geistlichen Botschaft standen, blieb ihr ästhetischer Eigenwert latent, galten sie nicht als unverschämt. Dem Pfalzgrafen ist wohl nicht aufgefallen, wie frech sich die Böcke auf Bocksbergers Berg mit dem Dornbusch ins Bild drängen. Wenn die Gläubigen den Kirchenraum betraten, sollten sie über die Themen der Wandbilder nicht rätseln müssen: Didaktische Vorsorge unterband den Ansatz einer freien Bildbetrachtung.

Ottheinrich hatte schon in seiner altgläubigen Lebensphase einen Großauftrag für biblische Malereien vergeben. Als Erbstück war ihm eine der prächtigsten je produzierten Bibelhandschriften zugefallen. Der 614 Seiten starke Band enthielt den Text des Neuen Testaments in deutscher Übersetzung. Vom Originaleinband ist das Wappen des Auftraggebers enthalten: Die bayerischen Rauten und der pfälzische Löwe stehen neben den bourbonischen Linien. Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt war nacheinander mit zwei französischen Prinzessinnen verheiratet; seine Schwester war Königin von Frankreich; er leitete die französische Delegation auf dem Konstanzer Konzil, wo er Augenzeuge der Hinrichtung des Reformators Jan Hus war.

Neuburg war Ludwigs Nebenresidenz. 1443 wurde er dort von seinem Sohn gefangengesetzt. Jetzt ist Ludwigs Bibel, die im neunzehnten Jahrhundert auf acht Einzelbände aufgeteilt wurde, für eine Ausstellung nach Neuburg zurückgekehrt. Kostbare Leihgaben führen die Wechselwirkungen von Buchgestaltung und Bildphantasie vor Augen, von privater Andacht und öffentlichem Bekenntnis, Einfällen und Formeln. Den letzten Raum der Schau bildet die pünktlich restaurierte Schlosskapelle. Ottheinrichs mosaische Unterscheidung, der Schnitt von 1542, wird eingebunden in eine motivgeschichtliche Kontinuität: Die Ausstellung erzählt die Vorgeschichte der Reformation Bild für Bild, als gute Historie.

Verstanden die Maler einige Vorgaben nicht?

145 Flächen für Abbildungen ließ Ludwigs Schreiber frei. Die große Zahl von Illustrationen bedingte, dass auch ungewöhnliche Sujets zur Darstellung kamen; schwer ist zu beurteilen, inwieweit theologische Absichten bei der Auswahl mitspielten. Die Kindersegnung findet sich gelegentlich auch in der tschechischen Buchmalerei, weil hussitische Theologen die Episode als Rechtfertigung für die Kinderkommunion deuteten. Ein Jahrhundert später fügte Bocksberger im Rundbild des Passahmahls an der Decke der Schlosskirche gegenüber Behams Vorlage einen Knaben hinzu, der bittend die Hand über die Tischkante hält. Das Kind steht auch für die Schriftunkundigen, an die sich die heilige Bildergeschichte an den Wänden ebenso wie die Predigt von der Kanzel richteten.

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