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Kunst aus Fernost : Japans Welt im Winzformat

Dienstleistungsberufe Altjapans: Der Geisterfänger Shoki mit einem gefangenen Teufelchen auf der Schulter. Bild: Jean-Marie Colrat

Das Ostasiatische Museum in Köln zeigt eine hinreißende Netsuke-Ausstellung. Sie gibt tiefen Einblick in die Kultur Japans – und das anhand kleinstmöglicher Schnitzkunst.

          3 Min.

          In einen kleinen Raum passt eine ganze Welt. So zu sehen derzeit in einer Ausstellung des Ostasiatischen Museums in Köln. Sie zeigt Netsuke und Sagemono, aber noch viel mehr: die Kultur und das Kunstselbstverständnis Japans. Und auch das von Köln, aber dazu erst später.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sagemono sind am Obi, dem Gürtel eines Kimonos, befestigte Behälter, in denen Japaner vor allem Tabak und Pfeifen transportierten. Um sie mittels Schnüren am breiten Obi zu fixieren, benutzte man Netsuke genannte Gegengewichte: anfangs noch scheibenförmige reich ornamentierte Holz- oder Metallarbeiten, die sich mit der Zeit zu kleinen figürlichen Schnitzarbeiten und damit eigenständigen Kunstwerken von höchstem Raffinement entwickelten.

          Alles konnte zum Gegenstand dieser vollplastischen Winzskulpturen werden, die nur selten größer als zehn Zentimeter sind: Menschen, Tiere, Mythologie, Erotik, Tierkreiszeichen, Alltagsobjekte. Das macht Netsuke zum Spiegelbild Japans, und die rund zweihundert Objekte der Kölner Schau bieten deshalb das faszinierende Porträt einer Epoche. An einem kann man auch studieren, wie Sagemono getragen wurden, denn das Netsuke zeigt in akkurater Darstellung einen Mann in japanischer Mode der Edo-Zeit, also bevor westliche Einflüsse das Gesicht des Landes veränderten.

          Netsuke aus Elfenbein, signiert von Yoshiyuki, aus der Edo-Zeit (1602-1868) Bilderstrecke
          Netsuke aus Elfenbein, signiert von Yoshiyuki, aus der Edo-Zeit (1602-1868) :

          Da Tabak erst im späten sechzehnten Jahrhundert von europäischen Händlern aus Amerika nach Japan gebracht wurde, etablierten sich Sagemono und Netsuke parallel zur 1603 begründeten Tokugawa-Herrschaft, die zur zweihundertjährigen Isolation des Inselreichs führte, ehe ein amerikanisches Flottengeschwader 1853 die Öffnung des Landes erzwang. An Bord befand sich mit Wilhelm Heine ein deutscher Maler, der von dieser Reise das erste Netsuke nach Deutschland brachte; seit damals sind die Schnitzereien ein weltweit beliebtes Sammelgebiet.

          Die Kölner Ausstellung versammelt Netsuke und Sagemono aus vierzehn Privatsammlungen und einigen Museen. Dass so viel zusammenkam, verdankt sich der alle zwei Jahre veranstalteten internationalen Netsuke Convention, die kürzlich im Ostasiatischen Museum stattfand und die Teilnehmer zu großzügigen Leihgaben bewegte. Der französische Spezialist Alain Ducros hat alle ausgeliehenen Stücke in einem aufwendigen Katalogbuch beschrieben, das elementarer Bestandteil der Ausstellung ist, denn die Präsentation selbst geizt mit Beschriftungen. Sie setzt lieber ganz auf die optische Wirkung der detaillierten Schnitzarbeiten.

          Der kleine Raum im Ostasiatischen Museum bietet zwei reich gefüllte Tisch- und drei Standvitrinen, vor allem aber eine komplette Schauwand mit fünf Abschnitten, von denen zwei zum Nachbarraum hin verglast sind, so dass man die dort ausgestellten Stücke von zwei Seiten ganz nahe betrachten kann. Die Wirkung der langen Reihen von Netsuke ist zauberhaft, vor allem bei einem Ensemble der zwölf Tierkreiszeichen, das zudem noch für zwei von ihnen mehrere Einzeldarstellungen bietet: vierzehn Tiger und neun Eber, darunter ein ungewöhnlich großes Exemplar aus schwarz gebeiztem Tagayasan-Holz mit aus Perlmutt und Elfenbein eingelegten Augen und Hauern.

          Meist sind Netsuke aus Elfenbein geschnitzt, aber auch andere organische Materialien wie eben Holz, Horn, Bernstein, Koralle oder Knochen wurden benutzt. Wobei die vorgefundene Gestalt des Ausgangsstoffs oft die Darstellung beeinflusste, wie etwa ein Netsuke zeigt, das aus Bruchstücken von Elfenbein schlechter Qualität gefertigt ist und deshalb einen zerklüfteten Eisberg zum Motiv wählte, auf dem sich Affe tummeln. Die fäulnisbedingten Flecken werden da zum reizvollen Schattenspiel. Die Schnitzer waren Meister des Illusionismus, wie auch ein Tabakbehälter als Holz beweist, der täuschend ähnlich eine Kartoffel nachahmt, auf der ein Oktopus sitzt – laut dem wichtigsten alten japanischen Lexikon, dem Wakan Sansai Zue, sollen diese Tiere Süßkartoffeln auf Feldern ausgraben.

          Es gibt aber auch ein reich illustriertes japanisches Lehrbuch aus dem Jahr 1890 zur Elfenbeinschnitzerei zu sehen, Materialproben und Veranschaulichungen des Schnitzvorgangs. Und das alles auf vielleicht dreißig Quadratmetern. Die Ausstellung ist das Abschiedsgeschenk der Kunsthistorikerin Trudel Klefisch an Köln, wo sie mehr als fünfzig Jahre lang im Auktionsgeschäft tätig war, davon vier Jahrzehnte im eigenen Haus. Niemand kennt sich in Deutschland besser mit Netsuke aus, niemand sonst hätte diese Kollektion zusammentragen können. Für das gerade im Umbau begriffene Ostasiatische Museum ist die anspruchsvolle Schau ein verheißungsvolles Zukunftssignal – und eine Verpflichtung.

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