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Edvard Munch Museum Oslo : Feuerhimmel und kalter Gips

Auch mit der „Verzweiflung“ von 1894 kreist Munch um den Schrei der Natur, der ganz zu Beginn ein Gedicht war. Während seiner sechzehn Jahre in Deutschland 1892 bis 1908 malte er auch den Philosophen Friedrich Nietzsche auf der Brücke und vor dem Feuerhimmel des „Schreis“, was ebenfalls in Oslo zu sehen ist. Bild: INTERFOTO

Mehr Munch war nie: Heute öffnet das dem Expressionisten gewidmete Museum in Oslo seine Pforten. Es zeigt alle seine Hauptwerke, den „Schrei“ gleich dreimal. Am ersten Tag sind die Kinder ins Museum geladen. Zur offiziellen Eröffnung morgen kommt Norwegens Königspaar.

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          Dem exzessiven Expressionisten Edvard Munch gemäß dürfen es zur Eröffnung des neuen Osloer Munch Museum – heute für Kinder und morgen für das norwegische Königspaar sowie die restlichen Erwachsenen – ausnahmsweise einige Superlative sein. Das Museum bewahrt nicht nur mit 26.700 Werken – Einrichtungsgegenstände, Zettel mit Gedichten und Kleidungsstücke Munchs einberechnet – den gesamten Nachlass des bekanntesten norwegischen Künstlers auf. Es kann davon nun auch endlich in elf großen Sälen über vierhundert herausragende Gemälde, Zeichnungen und Grafiken präsentieren, denn das neue Gebäude ist fünfmal größer als das alte Munch Museum. Der Neubau hat himmelsstürmende zwölf Geschosse und überragt mit seinen sechzig Metern im ehemaligen Containerhafen Bjørvika seinen direkten Nachbarn, die viel fotografierte schneeweiße Norske Opera des Baubüros Snøhetta, um vieles, wenngleich das Mu­seum von Estudio Herreros (mit dem deutsche Architekten Jens Richter) mit über zweihundert Millionen Euro wiederum um einiges günstiger war als das marmorklippige Opernhaus daneben.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Über einem streifig gegliederten Sockel aus perforierten Aluminiumplatten, der von Weitem an die typisch norwegischen Felsschichtungen erinnert und das Hafenwasser spiegelt, springen die Obergeschosse deutlich zurück, während die drei obersten mit ihrem spektakulären Panoramablick über Oslo sogar abknicken, um kubischer Langeweile vorzubeugen. Spaltet das Äußere des hochhausartigen Museums mit Knick die öffentliche Meinung, ist die Begeisterung für seinen Inhalt ungeteilt: Es ist die in dieser Fülle einmalige Quintessenz eines vollständigen Lebenswerks, das nirgends sonst in der Welt so erfahrbar ist. Da Munch die besten Bilder stets für sich behielt oder sich zumindest in den Kaufverträgen ausbedungen hat, das veräußerte Bild jederzeit zum Anfertigen einer Kopie ausleihen zu dürfen, die dann doch wieder als abgewandelte Variation ein Original wurde, kann das Museum vom allerersten Bild noch als Schüler bis zum letzten seine künstlerische Vita lückenlos abbilden.

           Das neue Munch Museum in Oslo des Architekturbüros Estudio Herreros mit dem deutschen Partner Jens Richter. Bilderstrecke
          Neues Munch-Museum Oslo : Mehr Munch war nie

          Dieses lebenslange Variieren und Experimentieren lässt sich schon in dem gigantischen Saal der sogenannten „Universitäts-Bilder“ von 1909 bis 1916 für die Aula der Frederiks-Uni von Kristiania, dem heutigen Oslo, körperlich erleben: Das erste, auf das der Besucher stößt, ist die knapp fünf mal acht Meter große Leinwand einer Sonne, die als einzelnes Bildelement im­mer noch so groß wie ein gelber VW Käfer der Siebziger ist. Sie strahlt gegen die ausladenden Weißflächen der panoramatischen Leinwand an und erzeugt tatsächlich den Eindruck eines alles belebenden Zen­tralgestirns. Umher hängen verschiedene Variationen des ebenfalls riesigen „Der menschliche Berg, dem Licht entgegen“, dessen Leiber reale Menschengröße erreichen. Übersetzte man den Titel als „Menschenberg“, wie häufig geschehen, könnte dies ungute Assoziationen wecken, und tatsächlich lehnte die Universität den ersten Entwurf Munchs ab. Erfasst man aber die Lebendigkeit des sich durch Verknäuelung auftürmenden Kompositkörpers in ihren hellen Farben, schlägt zwar auch die Assoziation an Dantes Läuterungsberg durch, zugleich aber ebenso stark der Optimismus, den Munch in dieses Bild malte.

          Der neu gebaute Gigantensaal schöpft klug alle Vorteile seiner Größe aus: So kann er anhand eines immer noch monumentalen Gipsmodells des „Menschlichen Bergs“ zeigen, dass Munch permanent in und mit allen Medien der Kunst wie eben der Skulptur gearbeitet hat, früh auch mit der Fotografie, was eine erfrischend albernde Reihe eines Dutzends Selfies von ihm belegt, die er bereits ab 1902 mit einer Kleinkamera in der vom Körper wie ein Selfie-Stick weggehaltenen Hand machte.

          Und dann sind da natürlich in der in den Saal der Hauptwerke eingebauten Schatzkammer allein drei Versionen von Munchs „Schrei“, die nach dem temporären Diebstahl des Bildes extra gesichert sind. Auch konservatorisch, denn das Rot der gezeigten „Schrei“-Version von 1910 bleicht nicht etwa aus, sondern wird seit Jahren im Licht immer dunkler. Im abgedunkelten Einbau öffnet sich nun stündlich abwechselnd der Wandschrein mit einer der drei Versionen dieser norwegischen „Mona Lisa“, darunter die besonders kostbare Pastell-Vorstudie schon aus dem Jahr 1893.

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