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Open Art : Zieht die Art Basel nach München?

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Nachdem Blanca Bernheimer in der väterlichen Altmeistergalerie an der Briennerstraße Fotografie etablierte, stellt dort jetzt ihre Schwester Isabel die Neugründung „Bernheimer Contemporary - Art Solution and Projects“ vor. Geschäftspartner ist Vater Konrad, den 150 Jahre Familientradition lehrten, dass es nur weitergeht, wenn die nächste Generation eigene Ideen verwirklichen darf. Isabel Bernheimers in den Galerien Hauser & Wirth sowie Esther Schipper, bei der Berlin Biennale und weiteren Projektarbeiten gesammelte Erfahrung dürfte der neuen Künstleragentur zugutekommen. Mit dem Thema „Vanitas“ ließ sie ihre - wie sie selbst - in Berlin ansässigen Schützlinge Victor Alaluf, Jahrgang 1976, und Jan Kuck, geboren 1978, einen Altmeister-Klassiker ins Zeitgenössische übertragen. Das gelingt nicht nur, weil die Vergänglichkeit des Irdischen nun mal nicht an Brisanz verliert. Alalufs Arbeiten handeln, geprägt durch eigene Krankheitserfahrung, von der Fragilität von Leib und Seele: Es sind auf Samt gebettete Wirbel, Bilder amüsiersüchtiger Knochenmänner und Zeichnungen, die an schwer Heilendes erinnern, ohne schwermütig zu machen (Preise von 2600 Euro an). Jan Kuck schuf eine veritable, vom Klang eines klopfenden Herzens erfüllte und von farbtropfenden Lampen schummrig erleuchtete Kunstkammer aus zerbrochenen Spiegeln und alten Standardsymbolen der Vergänglichkeit, da fehlt weder ein (echtes) Skelett noch das leere Glas oder die antike Stundenuhr. (Bis zum 24. September.)

Kein Stil ist auch ein Stil beziehungsweise das Prinzip von Sebastian Dacey, der bei Matthias Jahn eine große Einzelschau bestückt. Die Bilder des 1982 in London geborenen ehemaligen Meisterschülers von Günther Förg charakterisiert ein ungewöhnlicher Entstehungshintergrund. Der Künstler arbeitet nämlich in einer Art physischen Erwiderung auf das Trägermaterial, das bedruckter Stoff sein kann oder normale Leinwand, Karton und Diverses mehr. So kommen Bilder von störrischen Streifen auf bockigem Grund zustande. (Preise von 2000 bis 10.000 Euro. Bis zum 18. Oktober.)

Realistisch ist die Menagerie von Sigrid Nienstedt, Carol Johnssen zeigt ihre kämpfenden Wölfe, Hasen beim Rasen und noch viel mehr Wildlife, dem die Künstlerin neuerdings statt plakativer Profile die spezifischen Eigenarten auf den Leib malt. (Preise von 550 bis 9000 Euro. Bis zum 17. Oktober.)

Selbstverständlich dient die Open Art nicht nur als Plattform junger Entdeckungen, sondern glänzt auch mit großen Namen. Asger Jorn wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden, Anlass für die Galerie van de Loo Projekte, den wilden Dänen und Mitbegründer der Gruppe CoBrA in seiner engen Beziehung zu München mit vornehmlich hier entstandenen Werken zu feiern. Die Galerie Klüser rollt ihre langjährige Zusammenarbeit mit Sean Scully an beiden Standorten auf; es hängen neue Gemälde des Meisters raffinierter Streifung sowie Papierarbeiten und Fotos. „Großformate für große Säle“ lautete Walter Storms’ Motto beim Umzug, jetzt begeht er „5 Jahre Schellingstraße“ mit je einem kapitalen Werk pro Künstler seiner großen Truppe von Bustamante über Geiger, Girke, Graubner bis Uecker. Auch eine Publikation erschien zu diesem Anlass, die mehr als drei Jahrzehnte Galeristentätigkeit aufarbeitet. Die Galerie Thomas tapeziert ihre Wände mit Reproduktionen jener Kostbarkeiten, die sie in beachtlichen fünfzig Jahren Arbeit mit Kunst vermittelte, gespickt mit wertvollen Originalen zur Illustration des aktuellen Stands. Rupert Walser ehrt Leo Kornbrust zum 85. Geburtstag mit einer Bildhauer-Hommage: Zur „beweglichen runden Form“, die Kornbrust Jura-Marmor entlockte, gesellt der Galerist Arbeiten von Norbert Prangenberg, Alf Schuler und von Christiane Möbus. Sie kombiniert trachtige grüne Hüte mit einem riesigen weißen Ei: „Wiesn“ lautet der Titel, bei dem Münchner sofort ans nächste Kollektivvergnügen denken: das in Kürze anstehende Oktoberfest. (Bis 19. Dezember.)

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