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Op-Art Ausstellung : Spielchen mit der Wahrnehmung

  • -Aktualisiert am

Der venezolanische Künstler Carlos Cruz-Diez erinnert mit seinen Werken schmerzlich an die besseren Jahre seines Landes, an Wohlstand und Demokratie. In Ingolstadt zeigt er, wie Kunst jeden ansprechen kann.

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          Das meistfotografierte Kunstwerk Venezuelas befindet sich im Flughafen von Caracas. Es ist die Bodenarbeit „Couleur Additive“ von Carlos Cruz-Diez, eine gigantische Komposition ineinander verzahnter, auch die Rückwand der Haupthalle überziehender Farbstreifen, vor der unzählige Menschen ihr Abschiedsbild machen. Jetzt, während der Massenflucht aus dem von Präsident Maduros Diktatur abgewirtschafteten Land, geben diese Fotos dem Werk einen melancholischen Akzent. Eigentlich kommt es, wie das gesamte Œuvre des Künstlers, von Grund auf heiter daher, erinnert nun aber, entstanden 1974, schmerzlich an Venezuelas beste Jahre in Wohlstand und Demokratie. Cruz-Diez will Kunst auch außerhalb der Museen und jedermann zugänglich machen; „Kunst ist Kommunikation“, sagt er und realisierte in vielen Städten der Welt seine chromatischen Eingriffe im öffentlichen Raum. Ein Fußgängerüberweg in Pink, Gelb und Grün führt derzeit in Ingolstadt zum Eingang des Museums für Konkrete Kunst, das Cruz-Diez die erste Retrospektive in Deutschland seit 1998 widmet.

          Der Vierundneunzigjährige am Computer

          Ihr Besuch wird zum spannenden Wiedersehen mit der Op-Art, zu deren Hauptvertretern der Venezolaner gehört: Da wechseln Reliefs aus farbigen, transparenten Lamellen beim Entlanggehen die Couleurs. Bilder, deren Streifensystem definitiv nur Weiß, Schwarz und Blau aufweisen, verströmen aus einigem Abstand eine zartgelbe Aura. Noch extremere Streiche spielen uns unsere Sehorgane, wo sie angesichts einer aus Rot, Blau, Grau und Schwarz gebauten Bildserie die Farben des Regenbogens leuchten lassen. Und schwindelfrei sollte sein, wer das „Environnement Chromointerférent“ betritt, einen Raum, ruhelos durchstreift von farbigen Lichtbahnen aus vier Beamern, die virtuell alles verändern, was ihnen in den Weg kommt.

          Nach ihrer hohen Zeit in den sechziger und siebziger Jahren verschwand die Op-Art bis vor ein paar Jahren in der Versenkung; vielleicht wollten die Augen ausruhen von all den optischen Täuschungen, dem kirremachenden Flimmern und Vibrieren dieser Kunstrichtung, die aber, wie Cruz-Diez sie begreift, mehr will als faszinierende Spielchen mit der Wahrnehmung treiben. Selbige dienen ihm als Mittel, den Betrachter interaktiv am künstlerischen Prozess zu beteiligten. Carlos Cruz-Diez wurde 1923 in Caracas geboren, studierte an der dortigen Kunsthochschule und arbeitete als Illustrator und Werbefachmann, bevor er sich der freien Kunst zuwandte. Mit Victor Vasarely und Cruz-Diez’ Landsmann Jesús Rafael Soto wirkten bereits Protagonisten der Op-Art in Paris, als auch er sich 1960 dort niederließ. In seinem Atelier im 18. Arrondissement geht es lebhaft zu, zwanzig Personen wirbeln dort, darunter, nach gut lateinamerikanischer Art, viele Mitglieder seiner großen Familie.

          Cruz-Diez’ Kreativprozess basiert auf bester Kenntnis optischer und kinetischer Phänomene sowie Regeln der Farbenlehre. Der Rest ist Rechenarbeit. Früher legte der Künstler die Daten für jedes Werk akribisch auf Karteikarten an – sein Archiv bewahrt sie allesamt –, heute sitzt der Vierundneunzigjährige dafür täglich am Computer. Die Umsetzung seiner Vorgaben aber obliegt schon immer einem Werkstatt-Team, das in feinster Präzisionsarbeit diverse Materialien, darunter Plexiglas, Folien und Farbe, händelt. Für die Ingolstädter Ausstellung entstand ein neues, mehrere Meter breites Wandbild. Um es zu erreichen muss man aber erst mal durch ein Labyrinth aus transparenten Farbträgern, die je nach Lichteinfall und Wegwahl immer neue Farbmischungen entstehen lassen. Der reinste Zauberwald.

          Carlos Cruz-Diez. Color in Motion. Im Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt; bis zum 16. September. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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