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NS-Raubkunst und Fall Gurlitt : Wie könnte denn Versöhnung aussehen?

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Sind Südafrika und Mandela wirklich ein Vorbild?

Verzicht – dafür gab es in der Katholischen Akademie anerkennenden Beifall. War wirklich niemanden aufgefallen wie stark Wolffsohns Vergleich hinkte? Für den eigenen inneren Frieden mag der Verzicht eine Lösung gewesen sein – aber ein Modell für Deutschland? Um im Bild zu bleiben: Südafrika sich zum Vorbild nehmen, dessen Versöhnung, hieße, Karl Wolffsohn, Michael Wolffsohns Vater, hätte nicht verarmt 1957 sterben dürfen. Er – oder ein anderer Jude – hätte Bundespräsident nach dem Krieg werden müssen, wie Mandela ein Mann in Amt und Würden, ein Staatsträger, ausgestattet mit allen Rechten und Befugnissen – und dem Willen zur Versöhnung.

Stattdessen setzte die Bundesrepublik allerdings furchteinflössende Drachen auf die geraubten Schätze, mehrköpfige Monster, deren Feuer sich aus Lügen, Rechtsprechung und einer schweigenden Öffentlichkeit speiste. Ihr Mundgeruch hängt weiter in der Luft. Voraussetzung für den Verzicht ist Freiwilligkeit. Niemand, der bleibend enteignet wurde, kann verzichten. Ein Recht, das man nicht besitzt, kann man nicht großzügig ausschlagen. Auf der Tagung unterstrich selbst Ministerialdirektor Walter Schön, dass die Frist der Restitutionsgesetze für die Opfer „zu knapp bemessen war“. Und dass, nach der neuen Gesetzesvorlage des bayerischen Justizministeriums bösgläubige Besitzer sich nicht auf die Verjährung berufen dürften.

Glaubt man den Worten von Hannes Hartung, Gurlitts Anwalt, der an der Tagung im Publikum teilnahm, könnte im Fall Gurlitt zwar nicht „Versöhnung“ aber dennoch „Einigung“ in Sicht sein: Hartung bekräftigte, man sei in Gesprächen mit den Erben, insgesamt vier Anspruchsteller hätten sich bisher gemeldet. Gegenüber dieser Zeitung gab Hartung an, er sei „zuversichtlich, dass es zu Einigungen zwischen Gurlitt und den Erben“ käme, womöglich bereits innerhalb der nächsten sechs Monate. Für die in Salzburg gelagerten Werke habe man bisher keinen Hinweis auf Raubkunst gefunden; man plane jedoch die Herkunft von einer unabhängigen Fachkraft erforschen zu lassen.

Wären die Drachen endlich vertrieben?

Die Aussicht auf eine solche Einigung bezeichnete Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ als ein wichtiges Zeichen – für Cornelius Gurlitt, für die Bürger in Deutschland und für die Erwartungen, die im Ausland an die Bundesrepublik gestellt würden. Gurlitt könne schließlich doch zum Vorbild für eine „Mitwirkung von Privatleuten“ werden, in deren Besitz sich NS-Raubkunst befindet.

Mit Applaus wurde zu Recht Meike Hopps Forderung bedacht, die Stellen für die Wissenschaftler zu entfristen, die bereits seit Jahren Provenienzen erforschten und zahlreiche Datenbanken veröffentlicht hätten, mit denen die Suche nach Raubkunst erheblich erleichtert worden sei. Hopps Postulat traf sich mit der Ankündigung Monika Grütters vom Vortag, Stiftungsprofessuren für Provenienzforschung und Restitutionsrecht zu gründen.
Wäre damit ein Ende der hässlichen Geschichten in Sicht? Wären die Drachen endlich vertrieben? Nicht ganz.

Ausgerechnet die Katholische Akademie verhinderte einen hoffnungsfrohen Ausblick der Tagung. Über „Versöhnung“ hatte man sprechen wollen – allerdings unter Ausschluss der Opferseite. Geladen war kein einziger Vertreter von Erben, die im Nationalsozialismus geraubte Kunst zurückfordern. Michael Wolffsohn teilt mit ihnen eine ähnliche Familiengeschichte; als Vertreter würden ihn diejenigen, die die Herausgabe ihrer Bilder aus deutschen Museen oder Privatbesitz verlangen, aber nicht ansehen. Die Tagungsleitung der Katholischen Akademie wollte im Fall der NS-Raubkunst Versöhnung, ohne die Opfer auch nur zur Diskussion zur bitten.

Einigung, Versöhnung gar, ist aber ohne sie, ohne ihre Mitsprache, nicht zu haben. Das wusste Nelson Mandela. Und auch die von Monika Grütters eingerichteten Gremien zur NS-Raubkunst sind aus diesem Grund mit Opfervertretern besetzt. Nur an der Katholischen Akademie scheint sich das nicht herumgesprochen zu haben.

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