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Hunderttausende neue Wohnungen : Wie wir leben werden

Dass die kollektiven Räume besser als in der Vergangenheit funktionieren könnten, liegt an der Veränderung der Arbeitswelt. Wenn mehr als früher zu Hause gearbeitet werden kann, dann ist auch immer jemand da – und kontrolliert diese Räume und nutzt sie; am Berliner Spreefeld sieht man, wie gut die „Option Spaces“ angenommen werden; einer ist eine Werkstatt, der andere eine Mischung aus kollektivem Wohnzimmer und Restaurant, in dem ein Catering-Betrieb sitzt.

Fast alle neuen Wohnkollektive haben solche Räume, in denen ausprobiert werden soll, was Öffentlich-Sein bedeuten kann – jenseits von Orten, an denen man sich seine Verweilberechtigung erkaufen muss.

Man findet sie auch in dem Haus für ehemalige Obdachlose, das der amerikanische Architekt Michael Maltzan in Los Angeles errichtet hat, ein Container-Terrassenhaus, in dem der Bewohner nicht weggebunkert wird, sondern sich in einem Raum zwischen Straße und Wohnbereich aufhalten, dort mögliche Arbeitgeber treffen, Gäste empfangen kann. Diese Durchlässigkeit des Sockels, eine „Architecture of hospitality“ ist wesentlich – und auch für deutsche Planer ein gutes Vorbild, wie man Gettoisierung von Flüchtlingen verhindern könnte.

Ende der Kleinfamilienwohnung

Mit der Flüchtlingsfrage stellt sich die Frage der passenden Wohnformen für eine radikal veränderte Gesellschaft umso dringlicher.

Denn auch viele der Flüchtlinge sind Singles – und viele, sofern sie die Flucht überlebt haben, größere Familien, die in ihrer Heimat mit Onkeln, Tanten, Cousins, teilweise Freunden und Bekannten als „extended families“ zusammenlebten. Sie passen nicht in die übliche Kleinfamilienwohnung. Vielleicht wird die Ankunft der Flüchtlinge auch die Architektur verändern: Von den Wohnstrukturen, die sie mitbringen, kann die sozial zersprengte westeuropäische Gesellschaft profitieren.

Man darf die beiden Wohnungskrisen, die gerade ineinanderlaufen, nicht miteinander vermischen. Einmal geht es ums reine Überleben, das andere Mal geht es um die vergleichsweise luxuriöse Frage, in welchen Räumen man leben will, wenn man die Wahl hat. Aber beide Fragen verbindet auch viel:

Die Mehrheit der Deutschen wird in Zukunft in finanziell eher ungesicherten Verhältnissen leben und sich ein Einfamilienhaus in der Vorstadt oder auch nur eine große Eigentumswohnung in der Stadt schlicht nicht mehr leisten können.

Auf der anderen Seite stehen Tausende von ostdeutschen Kleinstädten und Dörfern zur Hälfte leer. Optimisten sehen hier eine Chance: Man müsse, so die These, gar nicht die Parkhäuser und Kasernen in den großen Städten umbauen, es könne auch hier so kommen, wie es Mike Davis in seinem Buch „Magical Urbanism – Latinos Reinvent the U.S. City“ für Kalifornien beschrieben hat – dass die Migranten in die leerstehenden Häuser kommen und Läden und Werkstätten aufmachen und Arztpraxen, wovon dann alle etwas haben.

Neuerfindung der Dörfer im Osten

Pessimisten weisen darauf hin, dass die Aufgeschlosseneren unter den ostdeutschen Dorfbewohnern längst zum Arbeiten in meist westdeutsche Großstädte abgewandert sind, wo sie sich jetzt als „die Wirtschaftsflüchtlinge von 1989“ verspotten lassen müssen; und dass die Zurückbleibenden nicht sonderlich gastfreundlich auftreten.

Ob das Buch „Syrians Reinvent the Dying East German Dorf“ geschrieben werden kann, hängt vermutlich davon ab, ob im Zuge der Ansiedlung von Flüchtlingen die von Kohl einst versprochene Blüte der ausgedorrten Landschaft eintritt:

Ob Arbeitsplätze geschaffen werden, Regionalzüge und Busse wieder fahren, Kindergärten und Jugendstätten wieder eröffnet werden – und ob man es schafft, Plätze zu bauen, wie man sie in der Heimat der Flüchtlinge und in den Lieblingstouristenzielen der Deutschen viel öfter findet als hier: Orte, an denen die erweiterte Familie jenseits aller Herkunftsfragen etwas zu feiern hat.

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