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Neue Architektur : Die Revolution ist nah in Altona

Ein Hauch von Kirschblüte: Die Arbeitswelt der Altonaer Genossen verheißt eine gemeinwohlorientierte Rendite. Bild: Common Agency

Umbauen statt Abreißen: Das „Neue Amt“ des jungen Architekturbüros Common Agency überträgt das Prinzip der Baugenossenschaft auf das Bürohaus.

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          Es hat eine lange Tradition, dass die Hamburger, die in der Innenstadt rund um die Alster wohnen, die Nase rümpfen, wenn das Gespräch auf Altona kommt. Ganz früher gehörte der heutige Stadtteil nicht zur Hansestadt, sondern zu Dänemark, und die Dänen waren den Hanseaten für ihren Geschmack all to nah, allzu nah, auf die Pelle gerückt. Schon der Name ist so gesehen eine einzige Zurückweisung. Auch später galt Altona zwar als ein lebendiger, aber nicht unbedingt problemarmer Kiez, obwohl die Elbe nur ein paar Schritte entfernt ist und die Innenstadt in einer Viertelstunde erreicht werden kann.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Vor allem das mit verkorkster Nachkriegsarchitektur bebaute, sozial heruntergekommene Bahnhofsviertel machte den Planern lange Zeit Sorgen. Mittlerweile hat die Gentrifizierung auch Altona erreicht, der Stadtteil ist noch nicht richtig saniert und schon viel zu teuer – und nun kommt auch noch der digitale Strukturwandel auf die Stadt zu, der das Leben schon in wenigen Jahren radikal verändern dürfte: Ladenstraßen gehen ein wegen des Siegeszugs des Online-Handels, und nachdem Hamburg in den Boomjahren so viele Büroflächen gebaut hat, dass schon vor der aktuellen Krise fast zu viel Platz war, dürfte die neue, rasante Entwicklung hin zu Homeoffice und neuen Arbeitsformen zusätzlichen Druck machen und die Frage aufwerfen, wie man eine solche sich gleichzeitig füllende und entleerende Welt voller überflüssiger Postämter, Shoppingmalls und Verwaltungsbauten gestaltet.

          Wie soll es mit der Stadt weitergehen?

          Einer der interessantesten Vorschläge stammt von einem jungen Büro, das zurzeit in der Hansestadt Furore macht und hinter dem die zwischen 1985 und 1988 geborenen Architekten Hans von Bülow, Julian Meisen und Cornelius Voss stecken: Ihre Common Agency hatte vor kurzem erst in einem aufsehenerregenden prämierten Wettbewerbsbeitrag gezeigt, wie man einst gut funktionierende, jetzt verwaisende Kieze wie die 1962 in Hamburg errichtete Siedlung am Berliner Platz umbauen könnte: Ein Torhaus mit öffentlichen Nutzungen soll sich dort zu einem klug terrassierten Apartmentbau hin öffnen, in dem viele Bewohner in den Genuss einer begrünten Terrasse kommen, die so groß wie mancher Vororthäuschengarten ist und bei Bedarf auch für größere Wohngruppen, die Arbeit und Leben enger zusammendenken wollen, zu Kommunen-Dachgärten zusammengelegt werden können.

          Das Neue Amt Altona soll zeigen, wie die Zukunft der Arbeit in der Stadt aussehen kann.
          Das Neue Amt Altona soll zeigen, wie die Zukunft der Arbeit in der Stadt aussehen kann. : Bild: Common Agency

          Bei ihrem neuesten Projekt tritt Common Agency nicht nur als Architektenteam, sondern als Mitinitiator auf – ein Beispiel dafür, wie gerade junge Architekten das Rollenverständnis ihres Berufs in Richtung Stadtplanung, ökonomischer Gesellschaftsentwürfe und weiterreichender Raumentwicklung erweitern. In Altona baut Common Agency das Alte Finanzamt um – und ergänzt den Altbau mit einer neuen Architektur, die wirkt, als habe sie jemand aus einer Galaxie angeliefert, in der alles filigraner, heller und pastoser ist. Das neue Gebäude ist in Weiß, lichtem Holz und hellrosa Pastellfarben gehalten, die wirken, als hätte man dem Rot der immer etwas dickbeinigen Hamburger Backsteinarchitektur eine größere Portion japanischer Kirschblüten beigemischt. Noch interessanter als diese für Deutschland ungewohnt leichte und filigrane Ästhetik, die ihre Vorbilder eher in der neueren japanischen Architektur hat, ist aber das Konzept des „Neuen Amts“. Die Stadt hatte das Alte Finanzamt Altona in einem Konzeptverfahren zum Kauf ausgeschrieben. Common Agency bewarb sich zusammen mit dem Hamburger „Betahaus“; es bildete sich eine Genossenschaft, wie man sie aus dem Wohnungsbau kennt, wobei es bei dem Projekt des „Neuen Amtes Altona“ vor allem darum gehen sollte, wie Arbeiten in Zukunft jenseits der herkömmlichen Vorstellung von privaten Büroetagen mit einer Lobby, die für die Bürger unzugänglich ist, aussehen könnte – wie ein Bürohaus also offener, gemeinwohlorientierter gestaltet werden und andere Formen von Arbeit und sozialem Leben ermöglichen kann.

          Schon früh hatte die Stadt den Altbau, nachdem er schon seit 2007 nicht mehr vom Finanzamt genutzt wurde, lokalen Kreativen zur Zwischennutzung überlassen – doch über deren Verbleib hing immer der drohende baldige Verkauf des umgenutzten Behördenbaus. Jetzt wurde immerhin durchgesetzt, dass die bestehenden Mietverträge für ein Jahrzehnt weiterlaufen müssen. Die Genossenschaft, die den Zuschlag erhielt, verlängerte die Verträge der jetzigen Mieter sogar um zwanzig Jahre. Zu diesem Bestand kommt ein Neubau auf dem südlichen Teil des Grundstücks, so dass am Ende ein genossenschaftlich organisierter Co-Working-Bau mit 2000 Quadratmetern Fläche entsteht.

          Wie kann man neue öffentliche Orte bauen?

          Natürlich witterten Stadtteilaktivisten auch in diesem Plan eine drohende Kommerzialisierung ihres Kiezes. Deswegen ersann man ein Erdgeschoss, das nicht mit Drehtüren und Sicherheitsdiensten das Reich der Lohnarbeit gegen das Eindringen der Passanten und Stadtteilbewohner verteidigt: Unten soll es einen belebten, auch fürs Viertel zugänglichen Innenhof und, in einer Art Kantine, die auch als kollektives Wohnzimmer genutzt wird, Essen und Kaffee für alle geben, für die Co-Worker und die Anwohner. Dazu kommen Veranstaltungsflächen, „schaltbare Räume“ sollen verschiedenste Nutzungen und Öffnungsgrade ermöglichen. In den oberen Etagen wird es nicht die üblichen Leichtbauwände, sondern flexible Einbauten geben, mit denen aus einem riesigen Büro schnell viele kleine Einheiten gebaut werden können – oder umgekehrt. Der große doppelgeschossige Raum mit einer umlaufenden Galerie kann für Tagungen, aber auch für Konzerte genutzt und so zum öffentlichen Ort werden.

          Damit der Bau nicht wie andere renditeorientierte Bürobauten bloß der Gewinnmaximierung dient, sondern eine Rolle für das Viertel übernehmen kann, wurde festgelegt, dass das Neue Amt seinen Nutzern – die nicht Mieter, sondern Eigentümer sind – gehört und nicht irgendeinem börsennotierten Immobilienunternehmen; alle erwirtschafteten Überschüsse fließen in das Projekt, womit die Preise erschwinglich gehalten werden sollen. Das Prinzip der Genossenschaft wird in diesem Pionierprojekt gewissermaßen auf die Welt der Arbeit übertragen. Allen aktuellen Mietern soll die Chance gegeben werden, Mitglieder der Genossenschaft zu werden und so langfristig bleiben zu können.

          Dass man sich dafür entschieden hat, den Altbau umzubauen und zu umbauen, statt ihn abzureißen, ist auch der Einsicht geschuldet, dass die Bauindustrie noch vor der Flugbranche einer der größten CO2-Produzenten der Welt ist und dass die Unart, Bauten alle dreißig bis fünfzig Jahre zu demolieren und neu zu bauen, zu den unnachhaltigsten Arten der Bodenbewirtschaftung gehört, die die Moderne hervorgebracht hat. Das neue Amt wird deswegen auch ein Bau des Post-Concrete-Zeitalters: Um Ressourcen zu schonen, entstehen die Obergeschosse in elementierter Holzbauweise, was auch den Vorteil hat, dass schneller gebaut werden und nachhaltig CO2 aus der Atmosphäre absorbiert werden kann. Die Architekten versprechen, dass „die Holzkonstruktion zu einem gesunden Raumklima“ beitragen werde. Das soziale und ästhetische Klima in Hamburg dürfte von diesem Bau auf jeden Fall profitieren.

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