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Alfa-Romeo-Museum bei Mailand : Wer braucht Mercedes? Giulia klingt besser

  • -Aktualisiert am

Stilecht: Museumsfenster in Form eines Seitenspiegels - das Alfa-Romeo-Museum Bild: Sebastiano Pellion di Persano

Nicht nur für Autofans, sondern auch für Soziologen und Formtheoretiker interessant: Das mitreißende, von Benedetto Camerana entworfene Alfa-Romeo-Museum in Arese bei Mailand.

          5 Min.

          Man muss mit den Namen anfangen. Deutsche Autos, besonders die sogenannten Premium-Wagen, haben gern erstaunlich nüchterne Namen, sie klingen wie Papierformate (A3, A4) oder wie der Paragraph zur Einrede eines nicht erfüllten Vertrags (320). Es gibt auch deutsche Autos, die keine nüchternen Bezeichnungen tragen, sondern Menschennamen. Opel ist hier Vorreiter: Es gibt einen Opel Adam und neuerdings auch einen Opel Karl, und man fragt sich, warum alle neuen Opel-Modelle plötzlich so heißen müssen wie Kinder in den Grundschulen der gutbürgerlichen Stadtviertel, in denen sich die Klassenlisten wiederum so lesen wie die Gefallenenlisten des Ersten Weltkriegs: Karl, Adam, Fritz, Quirin...

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht ist dieser Trend aber nur eine Reaktion auf Autonamen, die zum Träumen von einem wilderen, aufregenderen Leben verleiten sollten, bald aber zu einer Art Antiwerbung für den Fahrer gerieten, weil der mit Sicherheit genau das nicht besaß, was hinten auf seinem Wagen stand: Der Polo-Fahrer hatte kein Polopferd, der Besitzer des Mitsubishi Carisma kein Charisma (nicht mal ein falsch geschriebenes), der Fahrer des Ford Capri kein Haus auf Capri.

          Auch in Italien sind die Autobezeichnungen traditionell eher sachlich. Autos dort heißen zum Beispiel „Maserati Viertürer Achtzylinder weiterentwickeltes Modell“ – nur dass das auf Italienisch deutlich besser klingt, nämlich: Maseratiquattroporteottocilindrievolutione. Das ist nicht nur eine Autoname, das ist auch ein onomatopoetisches Versprechen – wenn man Namen wie Alfaromeogiuliaquattrofoglioverde laut und schnell genug ausspricht, klingen sie wie die Autos selbst, wenn man in einer Haarnadelkurve irgendwo vor Fiesole vom dritten in den zweiten Gang schaltet und dann Gas gibt, nämlich so, als ob der Motor eine Dosis staubiger römischer Sommerhitze und dazu mindestens drei Tenöre verschluckt hätte.

          Im Beton wartet mehr als staubige Akten

          Wer wissen will, warum eine Giulia von 1969 zum Beispiel so viel südlicher als ein BMW oder ein Opel klingt und warum der ehemalige Staatskonzern Alfa Romeo in Italien wie ein nationaler Schatz behandelt wird, mit dessen Schicksal auch Italiener, denen Autos völlig egal sind, mitfiebern wie bei einem Spiel der Azzurri, der muss nach Arese fahren, dorthin, wo sich einst der Firmensitz der 1910 gegründeten „Società Anonima Lombarda Fabbrica Automobili“, kurz Alfa, befand, die 1915 von der Rüstungsgesellschaft Accomandita Nicola Romeo&Co übernommen wurde, woher der Name Alfa Romeo rührt.

          Vor kurzem wurde hier, im ehemaligen Stammsitz des Autokonzerns, das vor Jahren geschlossene Alfa-Romeo-Museum wiedereröffnet – nicht in einem Neubau, sondern im ehemaligen, recht funktionalen Verwaltungssitz von Alfa, einem grauen Gebäude der Beton-Brut-Ära der frühen siebziger Jahre. Dem Architekten Benedetto Camerana, der für den Umbau verantwortlich zeichnet, ist es aber gelungen, das moderne Verwaltungsbaudenkmal zu erhalten und so aussehen zu lassen, als hätte man ihm einen Herzschrittmacher mit obenliegenden Nockenwellen eingepflanzt; es ist, als rauschte dem technokratischen grauen Kasten das Blut in die Adern,ein roter Strahl aus lackiertem Holz und Stahl rast auf der einen Seite in das Gebäude, zischt eine Rolltreppe hinauf, macht eine Steilkurvenfahrt und wölbt sich wie ein gigantisches Organ Richtung Autobahn aus, so dass man auch von dort aus schon ahnt, dass in dem strengen Betonregal etwas Aufregenderes als staubige Akten zu finden sein könnte.

          Motorsportgeschichte im Luxusgewand

          Vom allerersten Alfa-Modell, dem 24HP, über Mille-Miglia-Gewinner wie den 6C 1750 Gran Sport bis zum Weltausstellungswagen Montreal mit seinem schläfrigen Raubfischblick, vom legendären Alfa Duetto Spider, den Dustin Hoffman 1967 in der „Reifeprüfung“ durch Kalifornien steuerte, über den Alfasud bis hin zum zeitgenössischen 8C Competizione findet man hier all die Alfa Romeos, die die Marke zu einer Art italienischem Nationalheiligtum gemacht haben.

          Man erfährt, dass der rauchige, sommerstaubige Klang, das dunkle Timbre der Alfa-Motoren, das keinem Volkswagen je entfahren würde, seinen Ursprung in der Kombination der obenliegenden, kettengetriebenen Nockenwellen und der beiden Doppelvergaser hat. Man sieht den 1914 für den Grafen Marco Ricotti gebauten Alfa Aerodinamica, eine tropfenförmige Limousine, die damals schon fast 140 Stundenkilometer schnell war und aussieht, als hätte Jules Verne in ihm zum Mond fliegen wollen (allerdings lag der Motor im Inneren des Metalltropfens, und dem Grafen wurde es schnell zu laut und zu heiß, er verzichtete deswegen auf Aerodynamik und ließ seinen Alfa zu einem offenen Tourenwagen umbauen – im Alfa-Museum steht ein Nachbau des futuristischen Vehikels.

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