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Neuer Ankauf im Städel : Die Wahrheit steht in seinem Angesicht

Eine herausragende Porträtzeichnung R. B. Kitajs bereichert die Sammlung des Städel Museums Frankfurt: Sie zeigt den Schriftsteller Philip Roth.

          3 Min.

          Es ist kein Porträt eines Autors der üblichen Art: Nichts verweist auf eine Schriftstellerexistenz, kein Schreibtisch, kein Stift oder Manuskript, kein aufgeschlagenes Buch. Es fehlt jedes persönliche Utensil, das einer Auratisierung dienen könnte, sogar der Stuhl ist weggelassen, auf dem das Modell sitzt. Dennoch ist das Bildnis beredt, eng verknüpft mit der Persönlichkeit des Schriftstellers Philip Roth – wie auch mit der seines Zeichners R. B. Kitaj.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Porträt lässt keine Nähe zu, befördert nicht freundliche Einfühlung oder gar Vertraulichkeit, sondern markiert beinah offensiv den Abstand – zum Betrachter, zur Welt –, eine fundamentale Skepsis. Entsprechend spannungsgeladen ist die Komposition, schon allein durch den Wechsel von dem skizzenhaften Vordergrund hin zu dem feinst durchgearbeiteten Kopf. Roth ist in leichter Untersicht festgehalten, auch das ist ein Gestus der Distanz. Diese Attitüde wird verstärkt durch das linke Bein, das wie eine Barriere hochgelegt ist. Bei genauerer Betrachtung wird zudem erkennbar, wie allein der Bildaufbau durch die drei korrespondierenden freien Flächen auf dem Blatt zu einer Aussage wird; vielleicht signifizieren sie die Leerstellen einer Existenz. Das Modell wirkt sogar selbst ein Stück weit fragmentiert, seine Arme verlieren sich irgendwo, das rechte Bein scheint aus dem Nichts zu kommen.

          Magnetisch angezogen

          Die Striche des schwarzen Kohlestifts konzentrieren sich, wie magnetisch angezogen, in der plastischen Intensität von Philip Roths Kopf. Alles läuft auf das Gesicht zu, in dem sich der komplexe Charakter des Schriftstellers verdichtet. In der Physiognomie bündeln sich psychische und physische Energien. Von dorther scheint Roth den Betrachter zu fixieren – oder ihn mit nach innen gewendetem Blick zu ignorieren. Eine Antwort auf die prinzipielle Frage, ob das Gesicht auch eine Maske sei – wenn es nicht schon immer eine Maske ist, weil gebunden an den Moment, in dem es fixiert wird –, gibt Kitajs großartige Zeichnung nicht. Nach eigener Aussage des Künstlers entstand das Porträt in sechs Sitzungen. Es ist also keineswegs eine genialisch hingeworfene Studie, sondern ein bildhaft durchgearbeiteter Vortrag. Philip Roths sphinxhafter Ausdruck ist das Resultat mehrfacher Überblendungen, gleichsam wechselnder Aggregatzustände. Man könnte sich stundenlang davor hinstellen: Wer bist du denn? Sag mir doch, wer ich bin.

          Auf dem schweren ockerfarbigen Büttenpapier, das fast wie eine Leinwand mit ungrundiert rauher Oberfläche wirkt, ist die mit knapp achtzig mal sechzig Zentimetern ungewöhnlich großformatige Kohlezeichnung von frappierender Präsenz. Jetzt hat der Städelsche Museums-Verein das rare Werk für das Frankfurter Haus erworben. Wie viel es Kitaj selbst bedeutete, der Roth mehrfach gezeichnet hat, lässt sich daran ermessen, dass er dieses Blatt bis zu seinem Ende bei sich behielt. Es wurde dann im Februar 2008, im Rahmen von Kitajs persönlicher Sammlung aus dem Nachlass, in London versteigert. Ins Städel kommt es aus dem deutschen Kunsthandel. Ein ähnlich durchgearbeitetes Porträt gleicher Größe, das Kitaj 1991 von seinem Freund Lucian Freud fertigte, befindet sich im Metropolitan Museum in New York.

          Der amerikanische Maler Ronald Brooks Kitaj (1932 bis 2007) hat den amerikanischen Schriftsteller Philip Roth (1933 bis 2018) im Jahr 1985 gezeichnet. Beide hatten sich im selben Jahr kennengelernt; sie lebten damals als Nachbarn im Londoner Stadtteil Chelsea. Mitunter vorübergehend der britischen Variante der Pop-Art zugeordnet, gehörte Kitaj zur „School of London“. Den Begriff prägte er selbst, mit Malern wie Frank Auerbach, Francis Bacon, Lucian Freud, Leon Kossoff und David Hockney. Sie alle setzten ihre figürliche Malerei konsequent gegen die vorherrschende Abstraktion.

          Zunehmend zum Leitthema von Kitaj wurde die Suche nach seinen Wurzeln, seiner auch geistigen Herkunft, die Frage nach der Bedeutung seiner jüdischen Identität zumal. Noch im Jahr 2004, drei Jahre vor seinem Freitod, hat er sich als einen „symbolistisch-surrealistisch-diasporistischen Bastard der Moderne“ bezeichnet. Kitaj wie Roth stammten aus jüdischen Familien in Amerika. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein verband den Maler mit dem Schriftsteller. Auch dessen oft autobiographisch grundierte Romane haben darin ein zentrales Thema, das Roth ironisch und sarkastisch, immer verknüpft mit Aspekten von Sexualität, verhandelt.

          Zärtliche Aufmerksamkeit

          Zu der Zeit, als ihn Kitaj zeichnete, war Philip Roth am Ende seiner Romantrilogie um den jüdisch-amerikanischen Schriftsteller Nathan Zuckerman angekommen; Zuckerman kann als ein Alter Ego Roths gelten. Zehn Jahre später, 1995, wird er in „Sabbaths Theater“ die Figur seines Protagonisten Mickey Sabbath, eines alternden, vom Begehren umgetriebenen Puppenspielers, an R. B. Kitaj anlehnen; für den Roman erhielt Roth den National Book Award. Die Nähe, die umgekehrt Kitaj zu ihm gespürt haben mag, zeigt sich in der nachgerade zärtlichen Aufmerksamkeit, die er Roths Gesichtszügen gewidmet hat.

          Die Neuerwerbung, die man hoffentlich bald im Städel bestaunen kann, ergänzt den dort herausragend in der Grafik bestehenden Sammlungsschwerpunkt zeitgenössischer englischer Kunst. So widmete das Haus bereits im Jahr 2018 Frank Auerbach und Lucian Freud eine eigene Ausstellung mit Blättern dieser zwei Künstler. Und noch etwas zeigen Papierarbeiten von solch höchster Qualität eindringlich: wie wichtig die Bewahrung grafischer Werke für die Museen überhaupt ist, auch wenn sie aus konservatorischen Gründen nicht ständig präsentiert werden können. Sie gehören zum Rückgrat der Sammlungen als unhintergehbare Zeugnisse künstlerischer Schöpferkraft. 

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