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Ausstellung „Kinetismus“ : In diesem Haus sollen die Kulturen zueinander finden

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Neben der ältesten Neonskulptur der Kunst ist auch Heinz Macks „Virtuelles Volumen I“ ein Markstein in Prag. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Unter Strom: Prag erhält ein Museum für zeitgenössische Kunst. Es befindet sich in den Räumen eines Umspannwerks aus den Dreißigerjahren und wird mit einer gelungenen Ausstellung über Elektrizität eröffnet.

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          Endlich eine Nachricht aus der durch Skandale, Korruption und Einsparungsmaßnahmen erschütterten tschechischen Museumslandschaft, die hoffen lässt. In Prag wurde die „Kunsthalle Praha“ eröffnet. An einem prominenten Ort direkt unterhalb des Hradschins und in unmittelbarer Nähe des Regierungsgebäudes. Zwar handelt es sich im eigentlichen Sinne nicht um eine Kunsthalle, denn es ist eine private Initiative. Auch ist sie nicht nur als eine Ausstellungshalle gedacht, sie verfügt über eine beträchtliche Sammlung. Gründer der Kunsthalle ist die Stiftung des Ehepaares Pavlina und Peter Pudil, das in den wilden Neunzigerjahren zu beträchtlichem Vermögen kam.

          Bewusst wählten die Pudils für ihr privates Museum eine Bezeichnung, die aus einem deutschen Namen und dem tschechischen Namen für Prag besteht, um an das jahrhundertelange Zusammenleben der tschechisch- und deutschsprachigen Bevölkerung in dieser Stadt anzuknüpfen. Die „Kunsthalle Praha“ befindet sich in einem in den Dreißigerjahren errichteten Umspannwerk der Prager Elektrizitätswerke, das aufwendig umgebaut und mit Ausstellungsräumen, einer Bibliothek, einer Bar und mit Terrassen ausgestattet wurde, die einen wunderbaren Blick auf die Stadt bieten.

          Zuerst kamen die Fotografie und die Kinematographie

          Da sich die Kunsthalle in einem ehemaligen Umspannwerk befindet, bot sich an, sie mit einer Ausstellung zum Thema Elektrizität zu eröffnen. Man lud einen der besten Kenner der durch die Elektrizität bedingten Medienkunst, den Direktor des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe Peter Weibel, ein, die Ausstellung zu kuratieren. Für Weibel ist es neben der Dampfmaschine vor allem die Elektrizität, die während der industriellen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts die Wahrnehmung der Bewegung – durch das Auto und das Flugzeug – und des Lichts – bis dahin gab es nur das Naturlicht – radikal veränderte. Doch zuerst war es nicht die bildende Kunst, sondern die Fotografie und die Kinematographie, die sich dieser Veränderung zugewandt hatten. Erst später, beeinflusst eben durch die Experimente der Fotografie und der Kinematographie, wurde die Bewegung und das Licht etwa für die kubistischen oder die futuristischen Künstler auch ein Thema. Diese Entwicklung zu zeigen ist das Anliegen der Ausstellung von Weibel mit dem Titel „Kinetismus: 100 Jahre Elektrizität in der Kunst“.

          Peter Weibel, „Savoir“, 1966/2011 Bilderstrecke
          Licht und Bewegung : Werke der Ausstellung „Kinetismus“

          In seiner Auffassung, dass es zuerst die Fotografie und die Kinematographie waren, die mit Licht und Bewegung experimentierten und erst durch sie beeinflusst und viel später die bildende Kunst, findet sich Weibel von dem tschechischen, leider international fast unbekannten Künstler und Theoretiker Zdeněk Pešánek bestätigt, der 1941 das Buch „Kinetismus – Kinetik in der bildenden Kunst – Musik in Farben“ veröffentlichte. Für Weibel das überhaupt erste Buch über Kinetik in der Kunst, das leider, da es auf Tschechisch geschrieben wurde, unbekannt blieb. Erst jetzt, achtzig Jahre später, wurde Pešáneks Buch in einer englischen Übersetzung auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

          Umwälzende Veränderungen?

          Im Kern ist die ganze Ausstellung um das Werk dieses prophetischen Künstlers und Theoretikers gruppiert. Denn es war niemand anderer als Pešánek, der gebeten wurde, Kunstwerke für die Fassade des ursprünglichen Umspannwerkes zu entwerfen. 1932 entwarf er vier über ein Meter hohe, mit lumineszierenden Farben bemalte Skulpturen aus Kunststoff, Holz, Stahl und Drähten. Doch sie wurden nie an die Fassade angebracht. Geblieben sind nur Fotos und kleine Modelle, die in der Ausstellung zu sehen sind. Zu sehen ist auch die 1936 entstandene Skulptur „Der männliche und weibliche Torso“, die 1937 während der „Internationalen Ausstellung von Kunst und Technologie im modernen Leben“ in Paris ausgestellt war. Der in Neonfarben leuchtende Torso besteht, wie schon die Entwürfe für die Fassade, aus damals für ein Kunstwerk völlig ungewöhnlichen Materialien; aus Kunstharz, leuchtenden Neonröhren, Glühbirnen, künstlichem Stein und aus Metall. Für Weibel ist dieser Torso von Pešánek die überhaupt erste Neonskulptur der Kunstgeschichte.

          Flankiert wird diese Neonskulptur von ikonischen Werken der kinetischen und kinematographischen Kunst. Von Naum Gabos 1919/20 entstandenem Metallstab, der, von einem elektrischen Motor angetrieben, sich um die eigene Achse dreht, den Titel „Kinetische Konstruktion“ trägt und das überhaupt erste kinetische Kunstwerk ist. Von Marcel Duchamps 1926 entstandenen Anémic cinéma und dem Rotorelief von 1935, das eine Überlagerung der mechanischen Drehung eines Kreises mit der kinematographischen Illusion einer Drehbewegung ist, sowie von dem filmischen Experiment „Lichtspiel Schwarz-Weiss-Grau“ von 1930 des aus Ungarn stammenden Künstlers László Moholy-Nagy. Nur um diese Werke, die Kunstgeschichte geschrieben haben, zu sehen, lohnt sich schon der Besuch dieser Ausstellung, ganz zu schweigen von den späteren Werken etwa eines Woody Vašulka, Gyula Kosice, Christina Kubisch, Heinz Mack oder auch von Peter Weibel selbst.

          Während seiner Eröffnungsrede berief sich Peter Pudil, der Gründer der „Kunsthalle“, auf die Vision des 2011 verstorbenen tschechischen Präsidenten Václav Havel. Auf seine Vision von Prag, das in der Mitte Europas liegt, als einer Kreuzung von verschiedenen europäischen Kulturen und Sprachen. Diese Vision zu verwirklichen, so Pudil, hat sich die neu gegründete „Kunsthalle Praha“ zum Ziel gesetzt. Ein wahrlich hohes Ziel für eine eher kleine private Institution. Doch wie man aus der Geschichte weiß, sind es oft nicht die großen Institutionen, die umwälzende Veränderungen anregen, sondern eben die kleinen.

          Kinetismus. 100 Jahre Elektrizität in der Kunst. In der Kunsthalle Praha; bis zum 20. Juni. Der Katalog kostet 44 Euro.

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