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Museum für Moderne Kunst : Die Welt reparieren

Einladung: Christine Sun Kims „Echo Trap“ Bild: MMK/Axel Schneider

Im Museum für Moderne Kunst können die Besucher in der neuen Ausstellung „Crip Time“ unterschiedliche Zeiterfahrungen für Menschen mit und ohne Behinderungen erleben. Dafür setzt das Museum beim eigenen Haus an.

          3 Min.

          Man kann sich auch ganz anders ausdrücken als über Sprache. Mit Gebärden. Oder Grafiken. Die Amerikanerin Christine Sun Kim, Jahrgang 1980, die in Berlin wohnt, gebärdet den Grund für ihre sechs großen Grafiken der „Degrees Of My Deaf Rage“ selbst anlässlich der Eröffnung von „Crip Time“ „Deaf Rage“, erklärt sie, sei ein Begriff. Um die Frustrationen und die Wut der Gehörlosen auf eine Welt, in der sie immer wieder Hindernissen, Gedankenlosigkeit oder schlichtweg Frechheiten ausgesetzt sind, auszudrücken.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Kim hat die Grade und Intensitäten ihrer „Deaf Rage“ in grafische Symbole übersetzt. Eins der sechs Wutbilder von Kim gilt der Kunstwelt. Die etwa ihr, im Gegensatz zu hörenden Künstlern, „anbietet“, ihr Honorar mit dem der Gebärdendolmetscherin zu verrechnen, sprich: ihr weniger zu zahlen als den hörenden Kollegen. Kein Wunder, dass Crip, abgekürzt vom englischen „Cripple“ mittlerweile als aktivistischer Begriff, positiv besetzt, genutzt wird. Und der Hinweis auf den „Krip Hop“ von Leroy F. Moore jr. nicht fehlen darf, der mit seiner Videoarbeit vertreten ist.

          Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt geht die Sache ganz anders an. Mit der Grundfrage, anders über Körper, Zerbrechlichkeit, die Lebensenergie und, daher der Titel der Ausstellung, verschiedene Zeiterfahrungen je nach körperlicher und geistiger Konstitution nachzudenken, beginnt das Haus erst einmal bei sich selbst. Und hat festgestellt, dass die hübsch verwinkelten Kabinette, die Einblicke über Treppen alles andere als barrierefrei sind.

          Aus der Not eine Tugend gemacht

          Daher gibt es neue Leitsysteme, Hilfen, einen Text in einfacher Sprache, Bänke von Shannon Finnegan – und Installationen wie die von Chloe Pascal Crawford, die aus der Not, dass viele nicht so mobile Besucher die Kabinette kaum werden betreten können, eine Tugend gemacht hat, mit einer witzigen Spiegel-Arbeit. Überhaupt sind etliche Arbeiten extra entstanden, schon am Eingang lädt Kims große Wandinstallation „Echo Trap“ dazu ein, selbst die Gebärde für „Echo“ auszuprobieren, und nicht nur Kinder werden Emilie Louise Gossiaux’ verdoppelten Blindenhund „Dancing With London“ streicheln wollen.

          Gerhard Richters „Tante Marianne“ wiederum wird kontextualisiert in einem Raum mit Werken, die sich mit der Tötung Behinderter im Nationalsozialismus und mit der systematischen Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen und Erdteilen in der medizinischen Versorgung beschäftigen. Für „Crip Time“ ist das gesamte Museum an der Braubachstraße freigeräumt für Kunst, die sich, mal mehr und mal weniger offensichtlich, mit Beeinträchtigungen auseinandersetzt.

          Ein düsteres Panorama des Leidens oder eine aktivistische gut gemeinte und etwas zu bunte Zusammenstellung, wie man meinen könnte, ist das nicht geworden. Und ob und wo welche Künstlerin, welcher Künstler selbst, körperlich, seelisch, mit einem Handicap lebt oder lebte, wird auch nicht vordergründig herausgestellt.

          Verletzlichkeit als Teil des Lebens

          Malereien wie die von Dietrich Orth, der als Schizophrener verschiedene Phasen seines Lebens und Erlebens in großformatigen Bildern und Textcollagen verarbeitet hat, oder eine Videoarbeit von Liza Sylvestre, die ihr Gehör als Kind zu verlieren begann und dem Betrachter nahebringt, was sie, im Gegensatz zu ihnen, hören kann, thematisieren Behinderungen oder Krankheiten, auch im autobiographischen Bezug. Doch fast alle gezeigten Arbeiten gehen darüber hinaus.

          Was zu der Intention der Schau passt, der es darum geht, Verletzlichkeit als gemeinsame menschliche Grundbedingung zu verstehen. Und Fürsorge, Pflege, Teilhabe als Elemente eines jeden Lebens. Nur selten geht es dabei so wunderbar komisch zu wie in Judith Hopfs 2006 mit Deborah Schamoni gedrehtem Video „Hospital Bone Dance“, wo das Leiden, das Warten, die Unsicherheit mit Witz und Pop kontrastiert werden.

          Dass die international bestückte Ausstellung, wie Direktorin Susanne Pfeffer sagt, die Erste ihrer Art, zum einen vielen, auch vielen sehr jungen, bildenden Künstlern mit Beeinträchtigungen, Behinderungen oder Krankheiten breiten Raum gibt, ist die eine Art der Teilhabe. Die andere ist diejenige, eine Einladung auszusprechen, die Fragen und Haltungen, bisweilen Haltungsumkehrungen, die von den Arbeiten angeregt und gefordert werden, mit hinauszutragen. Insofern ist „Crip Time“ durchaus auch aktivistisch. Und zitiert Johanna Hedva: Es gehe darum, die Welt zu reparieren.

          „CRIP TIME“, Museum für Moderne Kunst Frankfurt, bis 30. Januar 2022.

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