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Neubau des Basler Kunstmuseums : Das Orakel vom Rhein

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Außenansicht. Das Understatement wird innen jäh zerschlagen. Bild: Julian Salinas/Kunstmuseum Basel

Das Basler Kunstmuseum hat einen Neubau für Ausstellungen erhalten. Leider mutet die Ästhetik an den Kühlraum einer Luxusfleischerei an.

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          Wenn ein Museum einen Anbau plant, dann erfüllt dieser auch Aufgaben, die weit über den Zweck hinausgehen, einen Behälter für weitere Kunstwerke zu liefern: Jedes neue Gebäude zieht ein Fazit der bis dahin geleisteten Arbeit und stellt eine Prognose auf. Was hat das alte Museum gebracht? Wie soll das der Zukunft aussehen?

          Ebendiese doppelte Fragestellung macht das Museum der Basler Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein besonders interessant. Und wenn Neubauten schon eine Art Weissagungsstätten des Kunstbetriebs sind, dann ist Basel zudem fast das Orakel von Delphi. Die Stadt am Rhein ist einer der herausragenden Orte, um in die Zukunft der Kunstwelt zu schauen, schon allein deshalb, weil die traditionsreiche Sammlung im internationalen Vergleich zu den besten zählt. Hans Holbeins berühmtes Familienbildnis aus dem sechzehnten Jahrhundert gehört zu den Schätzen oder auch Franz Marcs „Tierschicksale“, Max Beckmanns „Das Nizza in Frankfurt am Main“, dazu kommen Hauptwerke von Böcklin, Hodler, Giacometti, Picasso, Sophie Taeuber-Arp oder Jackson Pollock. Jedes Jahr fliegen außerdem Galeristen, Händler, Museumsdirektoren und Kuratoren aus der ganzen Welt ein, um eine der bedeutendsten Messen zu besuchen, die Art Basel.

          Der Neubau, der hundert Millionen Franken gekostet hat, wurde an den ersten beiden Besuchertagen am Wochenende bereits von knapp 20 000 Gästen geflutet. Die Schwierigkeit liegt allerdings selten darin, die Neugier des Publikums für ein frisch errichtetes Gebäude zu wecken. Die Herausforderung heißt, ein solches dauerhaft mit Leben zu füllen. Was wäre also das Fazit dieses Neubaus? Es fällt überraschend kurz aus. Den Neubau trennt eine Straße mit Zebrastreifen vom Altbau, unterirdisch sind die Gebäude durch einen Tunnel miteinander verbunden. Farblich greifen die Ziegel die Steinfassade des 1936 errichteten Haupthauses auf, und mit einigen Knicken zwängt sich der Neuling in den Straßenverlauf, was zunächst wie eine Bescheidenheitsgeste aussehen könnte – bis man das Innere betritt. Hinter der Fassade ist schnell Schluss mit den Referenzen. Der Neubau ist dabei so ziemlich das Gegenteil des Altbaus. Formale Zitate gibt es zwar weiterhin, wie etwa den Kratzputz, der sich hier wie dort an den Wänden findet, oder auch den Marmor des Treppenhauses, von dem es heißt, er entspreche dem im Foyer des Haupthauses. Aber wo sind die Fenster geblieben? Der Charme des alten Gebäudes besteht ja darin, die Besucher über einen Innenhof zum Eingang zu führen, vorbei an Calders „Die große Spinne“ und Rodins „Die Bürger von Calais“, hinein in ein lichtdurchflutetes Entrée, dessen farbige Glasfenster über mehrere Geschosse reichen.

          Das Erfolgsmodell der achtziger und neunziger Jahre bleibt bestehen

          Im Neubau ist der Eingang nun fensterlos. Der glattpolierte Marmor des Treppenhauses kommt aus Carrara, die Wände im Foyer sind mit feuerverzinktem Stahl verkleidet. Diese Box ohne Tageslicht könnte auch der Kühlraum einer Luxusfleischerei sein oder, etwas freundlicher formuliert, das Setting eines dystopischen Science-Fiction-Films wie „Gattaca“, der zum Teil in einem Kraftwerk gedreht wurde. Auf die Idee, sich in einem öffentlichen Gebäude zu befinden, würde man jedenfalls nicht kommen. Wo der Altbau mit farbigen Wänden, Holzvertäfelungen und großzügigen Fenstern ein fast wohnliches Ambiente schafft, setzt die neue Architektur auf eine Mischung aus Glamour und Brutalität, die in Zeiten passt, in denen Wirtschaftsmagazine sich „Business Punk“ nennen.

          Was heißt das für die Kunst? Die Ausstellungsräume verfügen über ein schönes Oberlicht oder Seitenfenster, die Atmosphäre ist dort zum Glück weit weniger herrisch, weniger überwältigend. Die insgesamt knapp 10 000 Quadratmeter Schaufläche, über die der Verbund von Haupthaus, Neubau und dem Museum für Gegenwart nun verfügen, bezeugen einen ungetrübten Wachstumsglauben. Vom Museum als Bildungseinrichtung, von den Chancen der digitalen Erweiterung oder den Herausforderungen einer globalen Kunstwelt für das Sammeln mag anderswo gesprochen werden. In Basel scheint weiterhin das Erfolgsmodell der achtziger und neunziger Jahre tonangebend zu sein. Geschaffen wurde mit dem Neubau ausdrücklich eine Umwälzanlage für Großausstellungen. Rund 300 000 Besucher im Jahr werden erwartet, 2,5 Millionen Franken sollen jährlich über Eintrittsgelder und private Stifter erwirtschaftet werden.

          Für solche Vorgaben ist Basel das geeignete Pflaster. Fünfzig Millionen Franken, also die Hälfte der Baukosten, trug allein die Laurenz-Stiftung der Mäzenatin Maja Oeri bei, die der Stadt noch dazu das Grundstück für den Neubau schenkte, ohne Auflagen zu machen. Und als hätte nun die Schlacht um die Privatzuwendungen begonnen, meldete prompt in die Eröffnungsfeierlichkeiten hinein die Fondation Beyeler, dreizehn neue Werke als Dauerleihgaben erhalten zu haben, darunter neun Picassos; Leihgeber ist die Anthax Collection Marx, eine gemeinnützige AG mit Sitz in Basel.

          Mit der Ausstellung „Sculpture on the Move“ verabschiedet sich der langjährige Direktor Bernhard Mendes Bürgi, im Herbst tritt seine Nachfolge Josef Helfenstein an, der bisher die private Menil Collection in Houston, Texas, leitete. Welches Profil Helfenstein den Häusern geben wird, ist noch offen. Die mit Marmor und Zinkblech formulierte Zukunftserwartung des Kunstmuseums lautet derzeit: teurer, größer, mehr.

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