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Der Naumburger Domhochaltar : Petrus mit Baseballkappe

Als wären Cranach und Triegel Zeitgenossen: Der vervollständigte Hauptaltar des Naumburger Doms, einen Tag nach Mariae Heimsuchung anno domini 2022 eingeweiht. Bild: Falko Matte/Vereinigte Domstifte

Kein Verlust der Mitte mehr: Nach 500 Jahren wurde nun der neue Naumburger Domhochaltar von Michael Triegel eingeweiht. Er ist eine Feier der Schönheit und das Meisterwerk einer vergegenwärtigten Kunst-Religion.

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          Was wurde nicht alles über den Blick der Uta von Naumburg geschrieben. Kühl und unnahbar sei er, verschanzt hinter dem weit nach oben gezogenen Mantelsaum der steinernen Stifterfigur im Westchor des Naumburger Doms. Für Walt Disney als begeisterten Anhänger der romanischen Kunst war klar: Uta musste in seinem Schneewittchen-Film die böse Königin sein. Bis zu diesem Wochenende jedenfalls ging ihr nofretetischer Blick ins Leere, nun hat er seinen Fokus zurück. Uta staunt jetzt über ihre junge Konkurrentin in der Mitte des Chorpolygonals, eine Maria in Öl auf Holz, so wie die böse Königin Schneewittchen um ihre Schönheit und Jugend beneidete.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Im weißesten Weiß aller Figuren auf der 242 Zentimeter in der Höhe und 220 in der Breite messenden neuen Mitteltafel des Domhochaltars des Malers Michael Triegel thront sie auf einem antikischen Götterstatuensockel und ist doch kein bisschen statisch. Unter dem tief leuchtenden Lapislazuliblau ihres Mantels sprühen die ebenfalls blauen Augen der jungen Frau nur so vor Lebenswillen. Die Besucher des Weltkulturerbe-Westchors spüren instinktiv, einer zeitgenössischen Frau gegenüberzustehen, gerade so, wie Gottes Ratschluss vor zweitausend Jahren auch eine normale Frau aus dem Volk erwählte. Ebenso zeitgenössisch wirkt das von ihr präsentierte Christuskind mit dem aufgeblähten Bauch eines realen Neugeborenen in all seiner Hilflosigkeit, vor allem aber die Heiligen und Glaubenszeugen hinter dem Ehrenbrokat, von denen nur fünf eindeutig an ihren Attributen oder Porträtzügen identifizierbar sind: Links hält Sankt Elisabeth Rosen in Händen, Dietrich Bonhoeffer mit Bibel in blauem Hemd daneben ist an seiner Brille zu erkennen, Mariens Mutter Anna – die Frau des Künstlers – steht gleichermaßen in Blau gewandet hinter ihr, die heilige Agnes trägt ihr Lamm, und hinter ihr wiederum steht ein zottelbärtiger Petrus mit rotem Baseballcap, aber auch dem goldenen Schlüssel der himmlischen Lösegewalt, sodass der weißbärtige Rabbi neben ihm, indirekt zu erschließen, der zweite Dompatron Paulus sein wird.

          Da schaut sie: Uta von Ballenstedt neben ihrem Gemahl Ekkehard II. Markgraf von Meißen, die weltbekannten Stifterfiguren des sogenannten Naumburger Meisters.
          Da schaut sie: Uta von Ballenstedt neben ihrem Gemahl Ekkehard II. Markgraf von Meißen, die weltbekannten Stifterfiguren des sogenannten Naumburger Meisters. : Bild: dpa

          „Sind das Heilige?“, hat einer der beim Einfügen der Mitteltafel in die steinerne Altarmensa beteiligten Bauarbeiter spontan den Künstler gefragt, und die Frage ist nur zu berechtigt. Es handelt sich um die theologisch radikalstmögliche Aktualisierung, denn neben dem Petrus, eigentlich ein Bettler aus Trastevere in Rom, finden sich auch Stifterbildnisse und Künstlerfreunde unter jenen, die das Ehrentuch aufspannen. Doch wie Bonhoeffer im NS für den Glauben einstand und starb, gibt es auch in der Gegenwart immer wieder Menschen, die sich in diese Tradition einreihen, verbildlicht durch das gemeinsame Halten des Heilstuchs. Im Gegenzug wird Maria, hinter deren Tuch ja auch Geborgenheit zu finden ist, zugleich zur Schutzmantelmadonna für alle.

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