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Streit um Triegel-Altar : Naumburg hat die besseren Argumente

Durch die neu eingerichtete Beleuchtung überstrahlt er auch nicht mehr die flankierenden Stifterfiguren, im Gegenteil blicken diese wie einst wieder zur Muttergottes im Zentrum des Westchors: Naumburger Marienaltar von Lucas Cranach und Michael Triegel, 1519 und 2022. Bild: Vereinigte Domstifter/VG Bildkunst Bonn 2022

Sie wissen, was in ihre Kirche gehört: Die Vereinigten Domstifter Naumburg haben im Streit mit ICOMOS um den Altar von Michael Triegel die Quellen klar auf ihrer Seite.

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          Divergierende Vorstellungen zu Erhalt und Betrieb von Kirchen haben zwischen deren Vorstehern und Denkmalpflegern häufig zu Streitigkeiten geführt, die mit harten Bandagen ausgetragen wurden. Dass aber eine Denkmalerbe-Organisation gegenüber einem Domvorstand und seinen Historikern behauptet, diese wüssten nicht, welcher Altar im Westchor ihrer eigenen Kathedrale stand, ist ein starkes Stück, das seit Gründung der Denkmalpflege noch nicht vorkam.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Zur Erinnerung: Durch Protest des ICOMOS, der in Paris über Denkmalpflegefragen von Weltkulturerbe befindet, muss am Tag vor Nikolaus der in den vergangenen zwei Jahren vom Maler Michael Triegel ergänzte Cranach’sche Westchoraltar wieder abgebaut und vorübergehend einige Monate in Paderborn aufgestellt werden (F.A.Z. vom 5. Juli und 31. Oktober). Die Vereinigten Domstifter Naumburg plädieren bei der ästhetisch gelungenen Wiedergewinnung des verlorenen liturgischen Zen­trums ihres Westchores zum einen auf das Recht jeder Generation, einer lebendigen Kirche etwas hinzuzufügen.

          Vor allem aber berufen sie sich darauf, dass Cranachs im Bildersturm am 11. September 1541 teilzerstörtes Retabel tatsächlich auf dem Marienaltar im Westchor stand, was von großer Bedeutung ist, weil die Denkmalschutz-Charta von Venedig 1964, in deren Folge der ICOMOS gegründet wurde, die (Wieder-)Aufstellung von Objekten und Gemälden, die für einen bestimmten Raum geschaffen wurden, ausdrücklich gutheißt. Volkes Stimme gibt ihnen recht: Unter 1300 befragten Besuchern des Doms sprachen sich 73 Prozent begeistert für den neu-alten Altar aus.

          Der Chronist ist beim Dombrand von 1532 nicht zuverlässig 

          Der ICOMOS-Berichterstatter für Naumburg, Achim Hubel, beharrt hingegen in einer Pressemitteilung auf dem Gegenteil: „Deshalb kann ich – auch in Verbindung mit anderen Indizien – nachweisen, dass Bischof Philipp (von Wittelsbach) das Cranach-Retabel für den Hochaltar des Ostchors gestiftet hat. Auf der verschollenen Mitteltafel dürfte demnach nicht Maria dargestellt gewesen sein, sondern das Paar der Apostelfürsten. Historisch nachweisbar sind die Cranach-Flügel außerdem nur im Ostchor.“ Auch sei der Westchor im Dombrand von 1532 laut den Naumburger Annalen des Nicolaus Krottenschmidt von 1547 so schwer betroffen gewesen, dass Cranachs Retabel – „hätte es tatsächlich auf dem Hochaltar gestanden“, so Hubel – ebenfalls „schwer beschädigt worden“ sein müsste.

          Die Glaubwürdigkeit des Chronisten Krottenschmidt hinsichtlich des Brandes von 1532 und des angeblichen Endes des Marienbildes ist schnell erschüttert: Er war zum Zeitpunkt des Brandes noch gar nicht in Naumburg. Das zeigt sich schon daran, dass zahlreiche der „schonen tafeln“, die ihm zufolge zerstört worden sein sollen, bis heute im Dom und Domschatz erhalten sind. Zwar zerstörte das Feuer den Dachstuhl des Domes, konnte aber nur durch zwei Öffnungen im Gewölbe in das Kircheninnere eindringen, wo begrenzte Brandherde entstanden – ersichtlich unter anderem aus erhaltenen Rechnungen zur Reparatur der Brandschäden von 1532 bis 1535: Die Brandschäden an den Stifterfiguren und architektonischen Elementen en­den östlich der beiden Figurenpaare Hermann–Reglindis und Ekkehard–Uta, betrafen also nicht den Altar.

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