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Iran-Ausstellung in Berlin : Ein Land mit göttlicher Sendung

Inbegriff von Macht und Kraft: Bronzebüste eines sassanidischen Großkönigs, um 400 nach Christus Bild: The Sarikhani Collection

Die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel zeigt Objekte aus fünftausend Jahren persischer Geschichte. Dabei wird klar, dass der Iran aus der Reihe der Weltkulturen nicht wegzudenken ist.

          5 Min.

          Im Sommer des Jahres 260 nach Christus beging der römische Kaiser Valerian ei­nen fatalen Fehler. Um die Provinzhauptstadt Edessa, das heutige Şanlıurfa in der Türkei, von ihren persischen Belagerern zu be­frei­en, zog er mit seinen Legionen ohne ausreichende Aufklärung den Persern ent­ge­gen. In der Ebene zwischen Edessa und Carrhae wurden die Römer eingeschlossen, und Valerian musste sich mit seinem gesamten Heer ergeben. Er war der erste Herrscher Roms, der in feindliche Hände fiel. Ein Felsenrelief über dem Grab des Großkönigs Schapur in Naqsch-e Rostam bei Persepolis hält das Geschehen für die Ewigkeit fest: Es zeigt Schapur zu Pferde, wie er den gefangenen Imperator am Arm packt, während ein anderer Römerkaiser, Philippus Arabs, der gegen die Perser ebenfalls den Kürzeren zog, vor dem Großkönig kniet. Valerians weiteres Schicksal ist un­ge­wiss: Ein spätantiker Kirchenschreiber berichtet, er sei in der Gefangenschaft ausgepeitscht und zu Tode gefoltert worden, während persische Quellen behaupten, die Römer und ihr Anführer seien in Südwestiran angesiedelt worden, wo sie Brücken und Staudämme gebaut hätten.

          Griechische Verse und ein römischer Kopf

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fatal war Valerians Handeln auch deshalb, weil er nicht auf die Lehren der Ge­schich­te hörte. Schon gut drei Jahrhunderte zuvor nämlich war einer seiner Vorfahren, Publius Licinius Crassus, mit seinen Legionären in die Ebene bei Carrhae gezogen und dort den Panzerreitern und Bogenschützen des Gegners in die Falle gegangen. Damals hatte in Iran die Dynastie der Parther geherrscht, jetzt saß das Haus der Sassaniden auf dem Thron, doch die Militärtaktik des Hinterhalts wurde von ihnen ebenso gepflegt wie die Tradition der ästhetisch aufwendigen Zurschaustellung des Sieges. Der abgeschlagene Kopf des Crassus, berichtet Plutarch, sei dem Partherkönig während einer Aufführung der „Bakchen“ des Euripides von einem Schauspieler mit klingenden Versen präsentiert worden: „Wir bringen vom Berge nach Hause getragen, / Die herrliche Beute, das blutende Wild.“

          Wer waren die Perser, die erst Griechen und Römer und später Byzantiner und Os­ma­nen das Fürchten lehrten? Die Ausstellung in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Mu­se­ums­in­sel, die das Museum für Islamische Kunst gemeinsam mit der exiliranischen Sammlung Sarikhani ausgerichtet hat, gibt darauf eine rein kulturgeschichtliche Antwort. Die realpolitischen Ereignisse, durch die ei­ne geographisch zerklüftete, von Ge­bir­gen, Hochebenen und Flusstälern ge­präg­te Re­gi­on zu Klein- und Großreichen und später zu einer sprachlich und religiös geeinten Nation verschmolz, muss man sich dazudenken. Dabei half dem iranischen Kulturraum auf seinem Weg in die Moderne eben das, was anderen das Überleben in machtgesättigten Zeiten erschwerte: seine Offenheit für Einflüsse von außen. Iran wurde stark, indem es das Fremde nicht abstieß, sondern in sich aufnahm und adaptierte.

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          Das begann schon im vierten Jahrtausend vor Christus mit dem Reich von Elam. Dessen Hauptstadt Susa, am Abhang des Zagrosgebirges gelegen, diente als Verteilerstation für die Metalllieferungen, die aus den Bergen in die Ebenen Me­so­po­ta­miens flossen. In den Figuren aus Stein, Ton und Bronze, den goldenen Be­chern und Gürtelblechen, die in Susa und seinem Hinterland gefunden wurden, spiegelt sich die kulturelle Sogkraft der akkadischen, babylonischen und assyrischen Reiche, die einander als Vormacht in Vorderasien ablösten. Mit den Achämeniden, deren von 550 bis 330 vor Christus bestehendes Imperium von Ägypten bis an den Indus reichte, regierte dann erstmals eine persische Dy­na­stie den gesamten Fruchtbaren Halbmond.

          Aber nicht von dort, sondern von der unruhigen ägäischen Westgrenze, an der die Heere der Achämenidenherrscher Dareios und Xerxes bei Marathon und Salamis ge­schla­gen wurden, kam der entscheidende künstlerische Impuls. Eines der schönsten Exponate der Ausstellung ist ein Trinkhorn mit Standfuß in Form eines Pferdekörpers aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, das in der Form persisch, in der Ausführung aber ganz griechisch ist. Mit der Eroberung durch Alexander den Großen wurde das Griechentum endgültig zur Leitkultur im Perserreich. Die Jagdschalen, Va­sen, Büsten und Trinkhörner der Parther und Sassaniden sind von den Thronschätzen hellenistischer Kleinkönige kaum zu unterscheiden, sie bewahren das Erbe der Antike noch in frühchristlicher Zeit.

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