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Jawlensky im Museum Wiesbaden : Zweite Heimkehr

Vor hundert Jahren kam der Maler hierher: Das Museum Wiesbaden zeigt seinen Gesamtbestand an Werken Alexej von Jawlenskys - und in diesem Kontext noch viel mehr.

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          Man könnte dem Museum Wiesbaden vorwerfen, mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen: Alexej von Jawlensky ist Gegenstand seiner aktuellen großen Sonderausstellung, und war er das nicht schon im Vorjahr, als dort „Lebensmenschen“ lief, die Dokumentation seiner künstlerischen und privaten Beziehung zu Marianne von Werefkin? Und wann wäre Jawlensky in den letzten Jahren überhaupt einmal nicht Thema in diesem Haus gewesen, das über den größten Bestand an Werken des Malers in öffentlichen Sammlungen verfügt? Er lebte schließlich fast zwanzig Jahre lang hier. Aber gerade deshalb: Wie hätte das Museum am ­hundertsten Jahrestag seines Umzugs nach Wies­baden vorbeigehen können? Bezeichnete doch Jawlenskys Rückkehr aus der Schweiz – nachdem der russische Künstler, der sich Deutschland enger verbunden fühlte als seiner Heimat, von der Reichsregierung im Sommer 1914 aber als Angehöriger eines Feindstaates des Landes verwiesen worden war – ein einschneidendes Datum für ihn und die Stadt. Wiesbaden wurde dank seiner während der Weimarer Republik zu einem Brennpunkt der ästhetischen Moderne, und Jawlensky wiederum fand dort buchstäblich Frieden, ehe seine Kunst von den Nationalsozialisten als „entartet“ ein­geschätzt und systematisch aus den deutschen Museen entfernt wurde.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch aus dem Wiesbadener, das zuvor großzügig Arbeiten des lokalen Kunstheiligen angekauft hatte, aber davon nur eine über die NS-Zeit retten konnte: Aus unbekannten Gründen entging eine Lithographienmappe von 1922 mit sechs Frauenkopf-Zeichnungen der Aussonderung und ist nun Auftakt der Ausstellung, die den Titel „Alles!“ trägt und tatsächlich sämtliche Jawlenskys des Museums präsentiert, insgesamt deren 111. Darunter als jüngster Zuwachs – eigens für diese Schau aus dem Nachlass der bedeutenden Jawlen­sky-Förderin und -Galeristin Hanna Bekker vom Rath gekauft – ein großes Blumenstillleben vom November 1937. Das war das Jahr, in dem Jawlensky, gesundheitlich seit Langem angeschlagen und finanziell durch die offizielle Ächtung gebeutelt, seine letzte Reise machte: im Spätsommer nach München, wo er die Schandausstellung „Entartete Kunst“ besuchte und sich darin noch einmal an jener deutschen Kunstmoderne erfreuen konnte, die er entscheidend mitgeprägt hatte. Zum Jahresende hin entstanden dann seine letzten Gemälde; danach malte er bis zum Tod 1941 nicht mehr. Passenderweise bildet das Blumenstillleben den Schlusspunkt der Ausstellung.

          In Wiesbaden war er seit 1921 zu Hause: Hier ein Foto von Jawlensky in Begleitung von Tony Kirchhoff auf der Wilhelmstraße im Jahr 1922
          In Wiesbaden war er seit 1921 zu Hause: Hier ein Foto von Jawlensky in Begleitung von Tony Kirchhoff auf der Wilhelmstraße im Jahr 1922 : Bild: Privatarchiv Kirchhoff / Nachlas

          Eine ungewöhnliche Hängung

          Das hat aber keine werkchronologischen Gründe. Vielmehr hat der hauseigene Jawlensky-Spezialist Roman Ziegl­gänsberger die ungewöhnliche Entscheidung getroffen, die Bilder nach dem Zeitpunkt ihres Erwerbs durch das Museum zu hängen. Deshalb die Köpfe zu Beginn und die Blumen am Ende. Dazwischen entstehen überraschende Nachbarschaften im Schaffen, und sichtbar wird auch die Geschichte einer Wiedergutmachung. Clemens Weiler, langjähriger Direktor des Hauses, machte den Aufbau einer neuen Jawlensky-Sammlung nach dem Krieg nämlich zur Chef­sache und kaufte von 1948 bis 1972 konti­nuierlich an, auch über den Wegzug der Witwe und des Sohns von Jawlensky 1957 aus Wiesbaden in die Schweiz hinaus. Doch erst im Jahr nach Weilers Pensionierung gelang der spektakulärste Coup: Gegen großen Widerstand in der Stadt wurde das Selbstbildnis von 1912 für 380 000 Mark aus dem Kunsthandel erworben. Heute ist es die Ikone des Museums, und in der Ausstellung gehört ihm ein eigener Raum, an dessen Wänden ansonsten nur vergrößert reproduzierte Zeitungsartikel hängen, die den damaligen Streit dokumentieren. Die Lektüre macht sehr viel Spaß.

          „Alles!“ bietet aber noch weit mehr als nur Werke von Jawlensky. Im Parcours der Ausstellung sind seine Bilder auf farblich leicht abgetöntem Fonds jeweils links in den Räumen gehängt, während die weiß belassenen Wände rechts andere Kunst aus der Wiesbadener Museumssammlung bieten, die jedoch im Kontext von Jawlenskys Arbeiten gegenüber steht. So sind dort etwa Werke von Kandinsky, Klee und Feininger versammelt, die gemeinsam mit Jawlensky auf Anregung seiner früheren Geliebten und Agentin Galka Scheyer die Künstlergruppe „Blue Four“ bildeten, um den amerikanischen Markt zu erobern. Natürlich ist der Blaue Reiter vertreten, aber ebenfalls Künstler aus der Nachkriegszeit, die durch Jawlensky angeregt wurden. Insgesamt dreißig solcher kleinen Geschichten erzählt die Schau. Und so ergibt sich eine große Kunst-Geschichte, die davon erzählt, wie ein Haus sich rund um die Zentralgestalt seines Be­stands definieren kann.

          Die Zukunft Jawlenskys liegt in Wiesbaden

          Das ist eine nicht nur innovative, sondern in diesen für den internationalen Leihverkehr hinderlichen Corona-Zeiten auch ideale Ausstellungsidee. Sie manifestiert zudem den Anspruch des Mu­seums Wiesbaden in Sachen Jawlensky-Pflege. Nach langer Entfremdung zwischen dem Haus und den Nachkommen des Künstlers ist seit einiger Zeit auch hier wieder schönstes Einvernehmen hergestellt, was darin zum Ausdruck kommt, dass Jawlenskys Enkelinnen Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky Bianconi das von ihnen im schweizerischen Muralto mitbegründete Archiv zum Werk des Großvaters bis 2025 nach Wiesbaden umsiedeln. Das wird eine zweite Heimkehr, die füglich zu feiern ist. Die Anlässe fürs Museum Wiesbaden, Jawlensky zu zeigen, werden also so rasch nicht ausgehen.

          Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden. Im Museum Wiesbaden; bis zum 27. März. Der materialreiche Katalog, zugleich Jawlensky-Bestandsverzeichnis des Hauses (Hirmer Verlag), kostet im Museum 39,80, sonst 49,90 Euro.

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