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Museum Schloss Moyland : Neustart für Beuys

Das Museum Schloss Moyland verfährt in seiner einer Ausstellung der Werke von Joseph Beuys nach der richtigen Maxime: Weniger ist mehr.

          4 Min.

          Wer im neuen Museumsführer die Luftbildaufnahme sieht, fühlt sich an die Burg auf der Modelleisenbahn aus Kindheitstagen erinnert, so trutzig-traulich nimmt sich das Schloss am Niederrhein aus: Moyland - Toyland. Spielball einst der Politik und heute einer Stifterfamilie, dazwischen auch der Architektur. Die Romantisierungswelle, die der Weiterbau des Kölner Doms 1842 auslöste, hat es erfasst und bis zu den Zinnen in Beschlag genommen: 1854 begann Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner das gotische (und im späten siebzehnten Jahrhundert barock nachgebesserte) Kastell mit Backsteinen zu ummanteln, die Türme aufzustocken, der Eingangsfront einen Torbau mit Ecktürmchen, Portikus und einem Saal im Obergeschoss vorzusetzen. Eine Touristenattraktion.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Das ist Schloss Moyland, das im Krieg leicht beschädigt, danach geplündert und dem Verfall überlassen wurde, auch heute wieder, da es instand gesetzt und der Park im Stil der vorletzten Jahrhundertwende restauriert ist. Seit 1997 beherbergt es die weltweit größte Sammlung der Werke von Joseph Beuys. Der brachiale Innenausbau, mit dem die Burg zu seinem Pantheon erkoren wurde, nahm keine Rücksicht auf historische Verluste. Gotische und barocke Bausubstanz musste weichen, um White Cubes und lange Flure mit weißen Marmorböden hineinzupressen.

          Der Schamane hat sich nicht mehr wehren können. „Das Einzige, was Beuys dagegen hatte: Er fand es zu klein“, behauptete zwar Hans van der Grinten, der mit seinem Bruder Franz Joseph 120000 Werke - und darunter fast sechstausend des mit den beiden seit 1951 befreundeten Künstlers - akkumuliert hat. Doch der Mann mit dem Filzhut hatte einen Blick auf das ebenfalls bei Kleve gelegene Schloss Gnadenthal geworfen, das sich, zum klassizistischen Herrensitz umgebaut, hell und großzügig zur Landschaft öffnet. Dem hier 1755 geborenen Anacharsis Cloots, einem glühenden Anhänger der Französischen Revolution, der 1794 auf dem Schafott endete, fühlte er sich so verbunden, dass er zeitweise mit „Joseph Anacharsis Clootsbeuys“ signierte. Erst nach seinem Tod 1986 begannen die Verhandlungen mit dem Land Nordrhein-Westfalen: 1990 wurde die Stiftung Museum Schloss Moyland gegründet, sieben Jahre später Eröffnung gefeiert.

          Als zu klein haben auch die Sammlerbrüder „ihr“ Museum jahrelang hingestellt. Bis unter die Decken bepackten sie die Wände mit Bildern, noch das Treppenhaus wurde vollgestopft. Die „Moyländer Hängung“ dehnte die Petersburger Hängung groteskerweise auf Zeichnungen aus.

          Das Durcheinander der Präsentation war auch Folge eines Konstruktionsfehlers. Noch jede neue Landesregierung wollte ihn beheben - und scheiterte. Die Stiftungssatzung lässt die Familie nach Gutsherrenart schalten und walten. Als 2009 Bettina Paust zur Direktorin aufrückte, schien das eine kleine Lösung. Vielleicht aber kennt nur sie, die von Anfang an, zunächst als Pressereferentin, dann als Leiterin des Beuys-Archivs, an Bord ist, die Klippen und Untiefen gut genug, um den Museumsdampfer endlich auf Kurs zu bringen. Ihre „strategische Neuorientierung“ ließ sie sich von den Stiftungspartnern und dem Kuratorium absegnen. Die Burg wurde anderthalb Jahre geschlossen und für 2,4 Millionen Euro renoviert: Die Raumstruktur wurde überarbeitet, ein flexibles Beleuchtungssystem installiert, der Marmorboden nur geschliffen.

          Ein Befreiungsakt

          Die Neupräsentation ist ein Befreiungsakt. Nur in dem Raum, der die Künstlerfreunde vom Niederrhein aufruft, wird die Moyländer Hängung noch einmal ironisch zitiert. Das Sammelsurium ist einem Ausstellungsparcours gewichen, auf dem Beuys nicht länger von Schülern, Weggefährten und Mitläufern bedrängt wird. Statt viertausend werden, klar und konzentriert, vierhundert Arbeiten ausgestellt.

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