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Künstler im Exil : Heimat im Malkasten

  • -Aktualisiert am

Sehnsuchtsvolle Phantasiewelten: Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt die Not von Exil-Künstlern, die während des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren.

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          Nicht mehr als zehn Reichsmark im Monat durfte ausführen, wer 1937 von Deutschland nach Österreich reiste. Erich Kästner, der die Salzburger Festspiele besuchen und auch den Freund und Illustrator Walter Trier treffen wollte, mit dem gemeinsam er seit „Emil und die Detektive“ einen Erfolg nach dem anderen feierte, beschreibt in seinem Roman „Der kleine Grenzverkehr“ die groteske Situation. Wie der Georg im Roman musste Kästner in Bad Reichenhall logieren, täglich mit dem Zug über die Grenze zuckeln und sich dort von Trier aushalten lassen. Trier war aus London gekommen, wohin er, als Jude von den Nazis verfolgt, rechtzeitig emigrieren konnte. Hunderttausende hätten den Holocaust überleben können, wäre die Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt im Sommer 1938 gelungen; doch die internationale Konferenz, die er in Évian-les-Bains zusammenrief, um erhöhte Aufnahmequoten für jüdische Deutsche und Österreicher zu erörtern, scheiterte.

          Nur einer der zweiunddreißig Staaten war zur Anhebung seiner Kontingente bereit. Ein umso fataleres Versagen, als vier Monate später die grausigen Novemberpogrome jedem Juden, der noch in der Heimat ausharrte, klarmachten, dass er sie schnellstens verlassen musste – doch wohin unter diesen Umständen und ohne Geld? Dem damals fünfzehnjährigen Victor Papanek gelang mit seiner Mutter die Flucht aus Wien über Holland nach New York. Nach seinem Architekturstudium in Amerika brachte er es dort, geleitet auch durch die Begegnungen mit Frank Lloyd Wright und Buckminster Fuller, zum querdenkenden Pionier und einflussreichen Theoretiker eines ökologischen und demokratisierten Gestaltens. Sein Buch „Design for the real world“ wurde in zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Papanek ist einer der Künstler, denen das Salzburger Museum der Moderne seine Ausstellung „Orte des Exils“ widmet. Wohl weil er bei der Flucht noch so jung war, fand er leicht in die neue Umgebung und nahm sie problemlos als Heimat an. Ähnliches gelang dem gebürtigen Wiener Wolfgang Suschitzky, der jung nach London zog, dort mit sozialkritischen Bildreportagen Karriere machte und heimisch wurde.

          Ausstellungsansicht „Orte des Exils“ im Museum der Moderne Salzburg
          Ausstellungsansicht „Orte des Exils“ im Museum der Moderne Salzburg : Bild: Museum der Moderne Salzburg

          Anders Else Lasker-Schüler: In Berlin hatte man ihre expressionistische Dichtung gefeiert und sie als eine treibende Kraft der künstlerischen Avantgarde erlebt. Die Figur des Prinzen Jussuf von Theben, als die sie sich verkleidete und mit dem Freund Franz Marc, ihrem „Blauen Reiter“, korrespondierte, entstammt einer Orient-Phantasiewelt, in die sie sich sehnsuchtsvoll hineinschrieb und -zeichnete und von der sie sicherlich etwas in Palästina zu finden hoffte. Nach tätlichen Angriffen durch SA-Männer floh sie 1933 nach Zürich, wo sie aber keine Arbeitserlaubnis erhielt und Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung hatte. Von mehreren Reisen nach Jerusalem bringt sie in leuchtend kolorierten Zeichnungen ihre Eindrücke aus dem „Hebräerland“ mit. Doch stehen die träumerischen Szenen mit Menschen, die alle dem Prinzen Jussuf ähneln, nicht wenig im Widerspruch zur Realität. Gezwungen zu bleiben, als die Schweiz ihr die Wiedereinreise verweigert, tut sich die Siebzigjährige im Jerusalemer Exil schwer, insbesondere als dort nach Kriegsausbruch die deutsche Sprache verpönt ist.

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