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Museale Selbstkritik : Der Kolonialismus auf dem Kaminsims

  • -Aktualisiert am

Aufnahme der ersten völkerkundlichen Ausstellung des Linden-Museums in der Stuttgarter Gewerbehalle, 1889 Bild: Linden Museum

Das Linden-Museum in Stuttgart thematisiert seine und Württembergs Rolle im Kolonialismus. Ist er abgeschlossen, oder wirkt er fort? Die selbstkritische Schau provoziert mit teils schrillen Mitteln das Publikum zum Mitdenken.

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          Grellrosa Warnhinweise kleben auf den Treppenstufen zum Linden-Museum: „Stopp! Schwieriges Erbe!?“ steht auf ihnen. Die Klebestreifen sind Auftakt der gleichnamigen Ausstellung, mit der sich das Stuttgarter Völkerkundemuseum seiner kolonialen Vergangenheit nähert. Die schrille Farbe ist Stilmittel einer Schau, die kolonialzeitliche Spuren sichtbar machen und die Kolonialgeschichte dieses Museums, seiner Stadt und Region zur Diskussion stellen will – eines Museums, das seit 1911 unter dem Namen seines größten Förderers Graf Karl von Linden in einem neoklassizistischen Monumentalbau am Hegelplatz residiert.

          Dieser Bau repräsentiert eine koloniale Weltsicht, die aus der Zeit gefallen ist: Sein Eingangsportal zeigt den Kopf eines Afrikaners mit wulstiger Lippe und breiter Nase. Es bedient rassistische Klischees. Jetzt ist der Kopf rosa angestrahlt, so dass die Besucher ihn nicht übersehen können, und ein Text erklärt die Ikonographie. Das ist das Grundprinzip dieser wichtigen Ausstellung: Sie macht die alltäglichen, kaum mehr bewusst wahrgenommenen Bilder, Objekte und Begriffe des Kolonialismus erkennbar, die uns bis heute in Denkmälern, Bezeichnungen oder Werbeanzeigen begegnen.

          Auf Spurensuche in der eigenen Sammlung

          Dafür haben die beiden Kuratoren Heiko Wegmann und Markus Himmelsbach, die früh schon die Kolonialgeschichte Badens aufbereitet haben, Archive und Sammlungen durchkämmt und eine Fülle von kolonialzeitlichen Spuren im Museum, der Stadt und dem württembergischen Landesteil gesichert. Der Ertrag war so reich, dass aus der ursprünglich geplanten Publikation eine Ausstellung werden konnte, der man ihre Geburt aus dem Archiv anmerkt: Es ist eine Leseausstellung geworden, die weniger von den Objekten als von den Archivalien und Texten lebt.

          Blick in die aktuelle Kolonialismus-Ausstellung des Linden-Museums
          Blick in die aktuelle Kolonialismus-Ausstellung des Linden-Museums : Bild: Joshua Kaiss

          Sie leistet Grundlagenforschung, weil sie die Kolonialzeit in Württemberg als regionalhistorische Verflechtungsgeschichte darstellt. Sauber und unaufgeregt dokumentiert sie, wie die Netzwerke und Aktivitäten von kolonialen Akteuren aussahen, wie viele Völkerschauen es in Stuttgart gab oder wo sich in Württemberg Straßennamen oder Denkmäler mit kolonialen Bezügen finden.

          Bis heute fortwirkende Ideologie

          Obwohl die Schau sich einer historischen Epoche widmet, die sie 1882 mit Gründung des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie beginnen und 1943 enden lässt, als die Kolonialverbände und das Kolonialpolitische Amt der NSDAP aufgelöst wurden, verhandelt sie vor allem unsere Gegenwart. Der Kolonialismus gilt ihr nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als Ideologie, die sich tief in den Alltag eingeschrieben hat und bis heute fortwirkt.

          Das beginnt mit der Sprache, auf die das Museum besonders achtet: Das Nachdenken über die eigene Wort-, Objekt- und Motivwahl liegt als Metakommentar über der gesamten Schau, die Begriffe wie „Schutztruppen“ oder „Strafexpedition“ kritisch thematisiert. Was als aufklärerischer Impuls bei den Museumstexten gut funktioniert, entpuppt sich bei den Triggerwarnungen vor Archivalien, die Gefühle verletzten könnten, als problematisch. Wenn sie diskriminierende Bezeichnungen auf Inventarschildern gelb übermalt oder mit Warndreiecken historische Abbildungen überklebt, balanciert die Schau auf einem schmalen Grat zwischen Rücksichtnahme und Tabuisierung.

          Überzeugender löst sie das Problem der Repräsentation, die reproduziert, was sie darstellt, durch gestalterische Kniffe: Die Fotografie einer Stuttgarter Völkerschau haben die Gestalter von Holzer Kobler (Zürich) als Kippfigur angelegt, die man nur aus einem bestimmten Winkel erkennen kann. Der Bildausschnitt konzentriert sich auf die Betrachter statt auf die exponierten „Wilden“, so dass diejenigen, die einst andere Menschen als Objekte begafften, selbst zu Schaustücken werden.

          Undogmatische Kritik als Stärke

          Diese Ausstellung spricht die Sprache der postkolonialen Kritik, die sich aktuell auf vielen Feldern artikuliert. Aber – und das unterscheidet sie vom Rigorismus der Identitätspolitik – sie ist nie dogmatisch. Stattdessen versteht sie sich als „Werkstattausstellung“, die überall zeigt, dass ihre Befunde vorläufig und ihre Wertungen verhandelbar sind. Inszeniert wird diese Unfertigkeit mit Stellwänden und Vitrinensystemen, die ihre metallenen Unterkonstruktionen nicht verbergen und auf Glas und Sperrholz vertrauen statt allein auf Hochglanzfronten. Inhaltlich stellen die Kuratoren Fragen, statt nur Antworten zu geben, und machen deutlich, wie ambivalent die heutige Bewertung kolonialer Akteure und Kontexte sein kann.

          Besonders eindrücklich gelingt das bei Namensgeber Graf Karl von Linden, für den verschiedene Attribute zur Auswahl stehen: „Räuber?“, Wissenschaftsförderer?“, „Hehler?“, „Kulturbewahrer?“, „Kulturzerstörer?“, „Sammelwütiger?“ Zu jedem Attribut gibt es einen Text, der die jeweilige Zuschreibung stützt. Die Vielzahl der Perspektiven verweist auf die große Frage, die hinter dieser Ausstellung steht: Wie werden wir einer Zeit gerecht, in der andere, heute zum Teil diskreditierte Normen das Alltagsleben bestimmten, ohne die damaligen Akteure allein mit der aktuellen Moral zu richten?

          Die Ausstellung setzt auf Veränderung - auch bei sich selbst

          Mit diesem Problemhorizont hoffen die Kuratoren, ihr Publikum aus der Reserve zu locken. Aktive Besucher sind Teil des Konzepts, das vorsieht, dass die Texte und Inszenierungen vom Publikum kommentiert und die Kommentare Teil der Ausstellung werden. Dann verändert sich die Ausstellung während ihrer einjährigen Laufzeit und wird im Mai 2022 eine andere sein als heute.

          Für das Haus ist das ein wichtiger Schritt, weil sich das Linden-Museum gerade zum zweiten Mal erfindet. Der Museumsname steht zur Disposition, und ein Neubau ist im Gespräch, den man inhaltlich für eine Komplettrevision nutzen will. Das Ganze fügt sich gut in eine baden-württembergische Kulturpolitik, die beim Aufarbeiten der kolonialen Vergangenheit vorweggehen möchte. Sie hat mehr als eine Million Euro in Projekte zur Beziehungspflege mit Namibia investiert, lässt landesweit nach menschlichen Überresten in Sammlungen suchen und hat erste Restitutionen durchgeführt. An den langfristigen Folgen, die diese Initiativen zeitigen, wird man messen können, wie ernst Baden-Württemberg es mit den Lektionen aus der Geschichte meint, die das Linden-Museum als „schwieriges Erbe“ vor Augen führt. Diese Vergangenheit ist nicht vorüber. Sie beginnt gerade erst.

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