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München feiert den Realismus : Wie die Dinge wirklich sind

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          3 Min.

          Am Rande des rauchenden Schlachtfelds stehen zwei Abordnungen an einem Tisch zusammen, auf dem ein Offizier die Kapitulation unterzeichnet. Seltsamerweise trägt die unterlegene Gruppe französische Uniformen des Ersten Weltkriegs, während die Sieger in amerikanischer Montur des Zweiten Weltkriegs antreten. Mit seinem Gemälde „Triumph of the New York School“ aus dem Jahr 1984 liefert der amerikanische Maler Mark Tansey einen ironischen Kommentar zu einem rigoros geführten Kritikerfeldzug der Nachkriegszeit, der die Überlegenheit des amerikanischen Abstrakten Expressionismus über die europäische Avantgarde behauptete: Unter den Helmen auf Verliererseite, für die André Breton unterschreibt, sind Picasso, Matisse und Duchamp auszumachen; aus dem Kreis der Sieger lächeln unter anderen Jackson Pollock und Mark Rothko. Indem Mark Tansey seiner allegorischen Szene die Form eines klassischen Historienbildes gibt, aber die Erscheinung einer alten, sepiabraunen Dokumentarfotografie, ironisiert er den Konflikt als militant ausgetragene, aber längst von jüngeren Entwicklungen eingeholte Episode.

          Der Realismus interpretiert seinen Gegenstand

          In der umfangreichen und prominent bestückten Ausstellung „Realismus. Abenteuer der Wirklichkeit“, mit der die Hypo-Kunsthalle in München ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert, hängt Tanseys berühmtes Kunstschlachtbild wie ein mustergültiges Beispiel für Bertolt Brechts Definition: „Realismus ist nicht, wie die wirklichen Dinge sind, sondern wie die Dinge wirklich sind.“ Brecht markiert damit immerhin hilfreich eine Abgrenzung zum Naturalismus, der nur die äußere Erscheinung kopiert, während der Realismus seinen Gegenstand interpretiert. Aber wie „die Dinge wirklich sind“, ist nun mal Ansichtssache.

          Entsprechend gedieh der den wahren Blickwinkel versprechende Terminus „Realismus“ in der Kunst zum Hit, seit ihn Gustave Courbet als Protest gegen idealistische Salonmalerei 1853 erstmals programmatisch einsetzt. Welches Durcheinander die Beliebtheit dieses Stilbegriffs auslöste, deutet zum Beispiel die Kluft an, die den Sozialistischen Realismus mit seinem sozialen Wirklichkeitsanspruch vom Magischen Realismus trennt, der sich in Traumgefilden ergeht.

          Mit Begriffsklärung hält sich die Ausstellung jedoch nicht allzu sehr auf, auch um kunstwissenschaftliche Erkenntnisse geht es ihr kaum. Vielmehr haben die Kuratoren Christiane Lange und Nils Ohlsen ein opulentes Schaustück um „präzise und detailgenaue Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit“ in Szene gesetzt, also radikale Gegenständlichkeit. Mehr als sieben Millionen Besucher zählte die Hypo-Kunsthalle seit ihrer Eröffnung im Jahr 1985, und zweifellos soll mit der fünfundachtzigsten Ausstellung jetzt zum Jubiläum ein weiterer Publikumsrenner gelingen. Entsprechend wurde ein Festmahl mit bestem Augenfutter und viel Kost zum Staunen in einem Acht-Gänge-Menü aufgefahren; es besteht aus Stillleben, Interieur, Stadt, Landschaft, Historie, Genre, Porträt und Akt zum Dessert.

          Traue nicht der äußeren Erscheinung!

          Jeder Gang bietet einen wilden Mix aus künstlerischen Medien, prominenten sowie gänzlich unbekannten Künstlern der vergangenen hundertfünfzig Jahre und kontrastiert die schönen mit den hässlichen Seiten dieser Welt. So treffen bei den Stillleben Edouard Manets bescheidene „Distel“ von 1880 und Charles Bells fotorealistischer, schreiend bunter Kaugummiautomat von 1976 mit einem gefilmten Memento mori von Sam Taylor-Wood aus dem Jahr 2001 aufeinander, das eine Schale makellosen Obstes bis zur grauschimmeligen Zersetzung begleitet. Am überzeugendsten ist das Kapitel „Historienbild“ gelungen mit erschütternden Arbeiten zu aktuellen Katastrophen wie Thomas Hoepkers Fotografie „Blick auf Manhattan, 11. September 2001“ oder Marc Quinns Skulptur eines Folteropfers in Abu Ghraib aus dem Jahr 2009. Hier rüttelt Realismus auf, statt nur mit porentiefer Pingeligkeit virtuoser Foto-Kopierer handwerklich zu imponieren.

          Wirklichkeit sichtbar machen

          Nicht von ungefähr fällt Courbets Realismuspostulat für die Malerei in die Frühzeit der Fotografie, diese zunächst als scheinbar unbestechlich bewunderte Methode zur Wiedergabe der sichtbaren Welt. Scheinbar, denn während Courbet sich am Strand postierte und aus den vielen sich brechenden Wellen, den ziehenden Wolken das Resümee eines gültigen Bildes zog, musste auch Gustave Le Gray seine Fotografie „Grande Vague“ 1857 aus mehren Negativen montieren, weil die unterschiedliche Geschwindigkeit von ziehenden Wolken und rauher See technisch noch verschiedene Belichtungszeiten erforderte.

          Das alte Konkurrenz- und gegenseitige Befruchtungsverhältnis zwischen Staffelei- und Kamerabild ist eine tragende Säule dieser Schau. Doch gleich welches Medium der Künstler wählt, um zu zeigen, „wie die Dinge wirklich sind“, kann sich doch keiner bedingungslos auf die äußere Erscheinung verlassen. Um Wirklichkeit sichtbar zu machen, spitzen Maler zu, Fotokünstler manipulieren. Wenn genug gestaunt ist über Zeichnungen, die man für Fotos hielt, über Fotos, die mehr zeigen, als Frauen lieb sein kann, und über Skulpturen, die man fast angesprochen hätte, weil man Duane Hansons „Workers“ für Museumshelfer hielt, verlässt man diese Schau vielleicht ohne große neue Erkenntnisse, aber auf jeden Fall satt gesehen - wie nach einem gelungenen Spektakel.

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